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Bissig-böse Politsatire zeigt, wie schnell Rassismus und Medienhysterie entstehen können

Mainz (ots) – Die bissig-böse Politsatire “In bester Verfassung” zeigt, wie schnell Rassismus und Medienhysterie entstehen und Populismus befeuern können. Die Web- und TV-Serie ist zu sehen ab Donnerstag, 6. Juni 2019, 16.00 Uhr, in der ZDFmediathek und auf YouTube und am Montag, 17. Juni 2019, 23.55 Uhr, im ZDF. “In bester Verfassung” wurde von Influencern konzipiert und realisiert. Idee und Drehbuch stammen von Joseph Bolz alias DeChangeman, der auch Regie führte, und Fabian Siegismund, der in einer Nebenrolle zu sehen ist. In den Hauptrollen spielen Gudrun Landgrebe und Uke Bosse. “In bester Verfassung” wurde im TV-Labor Quantum der ZDF-Nachwuchsredaktion Das kleine Fernsehspiel entwickelt, wo auch die Emmy-prämierte Web- und TV-Serie “Familie Braun” entstanden ist.

Niederlützel, ein abgelegenes Kaff in Nordrhein-Westfalen, beheimatet wegen einer unbedeutenden, kurzen RAF-Historie seit Jahrzehnten eine kleine, verschlafene Verfassungsschutz-Dienststelle. Die beiden Verfassungsschützer, Mechthild Dombrowski (Gudrun Landgrebe) und Paul Horner (Uke Bosse), haben den ganzen Tag nichts zu tun. Da beschließt die Zentrale, den Standort wegen Unterbeschäftigung zu schließen und die beiden Beamten nach Rostock zu versetzen. Die schlechte Nachricht überbringt Referatsleiter Matthias Frings (Fabian Siegismund). Dombrowski und Horner beschließen, eine islamistische Terrorzelle zu erfinden, die in der Region operiert, um so ihrer Dienststelle eine neue Existenzberechtigung zu verschaffen. Der Plan geht zunächst auf, doch dann gerät die Situation zusehends außer Kontrolle.

© ZDF

Die Rollen und ihre Darsteller

  • Mechthild Dombrowski: Gudrun Landgrebe
  • Paul Horner: Uke Bosse
  • Matthias Frings: Fabian Siegismund
  • Bürgermeister Rösgen-Schmidt: Oliver Kleinfeld
  • Dietmar Senkfuß: Frank Schneider
  • Lisa: Alina Mehrens
  • Jonas Vierhaus: Jakob Schmidt
  • Karsten Greyer: Klaus Lawrenz
  • und andere

Joseph Bolz (Buch und Regie) über “In bester Verfassung”

“In bester Verfassung” behandelt ein aktuelles Thema von akuter Dringlichkeit. Der gesellschaftliche Rechtsruck ist nicht nur auf bundesweiter und europäischer Ebene zu spüren, sondern man trifft ihn bereits auf lokaler Ebene an. Die Serie ist aus dem Bedürfnis entstanden, diese bedrohliche Entwicklung zu thematisieren. Dazu erzählen wir die Geschichte im Mikrokosmos eines Dorfes als Spiegel der Gesellschaft. Um die Darstellung pointiert auf die Spitze zu treiben, ohne zu moralisch zu wirken, wird sie in einem satirisch unterhaltsamen Kontext erzählt. So soll klar aufgezeigt werden, wie schnell Rassismus und Medienhysterie entstehen.

“In bester Verfassung” zeigt, wie auf einfache Weise Fake-News entstehen und wie diese für populistische Zwecke eingesetzt werden können. Man sieht, wie schnell das ganze Dorf bereitwillig demjenigen glaubt, der am lautesten schreit, ohne sich selbst ein Bild zu machen oder Informationen zu hinterfragen. Das ist die Gefahr, der wir uns in Zeiten von alternativen Fakten, rechtspopulistischen Parteien und gefühlten Wahrheiten, die über soziale Netzwerke verbreitet werden, gegenübersehen. Es sind eben nicht nur die anderen, sondern es betrifft jeden, sich da nicht mitreißen zu lassen.

Die Besetzung der Rollen war aufgrund der Kurzfristigkeit unseres Drehstarts eine große Herausforderung. Daher bin ich umso glücklicher, dass wir einen solch tollen Cast aus Profis und jungen Schauspielern gefunden haben, von denen viele sich ganz anders zeigen konnten als bisher. Allen voran Gudrun Landgrebe, die hier eine Rolle spielt, in der man sie noch nie gesehen hat. Ich hatte als junger Regisseur natürlich Respekt vor der ersten Zusammenarbeit mit einer Legende wie ihr und traf auf eine spielfreudige Schauspielerin, die ein wahnsinniges Interesse daran hatte, diese Figur für sich zu entdecken und lebendig werden zu lassen.

Da ich mit Uke Bosse und Fabian Siegismund gute Erfahrungen bei meinen bisherigen Drehs gemacht hatte und fest davon überzeugt war, dass noch viele weitere Facetten in ihnen stecken, war mir sehr früh klar, dass ich mit beiden wieder drehen möchte. Gerade Ukes großes Talent für Lakonie in Timing und Körperlichkeit geht bei “In bester Verfassung” sehr gut auf. Fabians klare Spielart von Verletzlichkeit hinter einer kühlen Fassade fand ich ebenfalls sehr spannend für die Figur Frings: Ein Mann, der ständig auf der Innenseite seiner Wange kaut und versucht, dem Druck standzuhalten. Nach vielen kleineren Produktionen reizte es mich sehr, eine größere Welt voller Leben zu erzählen, auch wenn sie in einem kleinen Dorf spielt. Das eng verbundene Netzwerk und die teils verknöcherten Strukturen in Dörfern bieten viele Möglichkeiten, große Politik im Kleinen zu erzählen. “In bester Verfassung” ist meine bisher längste Regiearbeit und bot die Möglichkeit, bisherige Beschränkungen auf wenige Drehorte und Schauspieler zu durchbrechen.

“Leider sehr aktuell” – Interview mit Gudrun Landgrebe

Frau Landgrebe, was hat Sie an der Rolle der doch sehr ungewöhnlichen und schrägen Verfassungsschützerin Mechthild Dombrowski gereizt?

Eben wirklich diese Ungewöhnlichkeit. Einmal war für mich das Genre Politsatire neu, das habe ich noch nie angeboten bekommen. Dann ist diese Frau natürlich eine sehr aus jeglichem Rahmen fallende. Sie ist völlig unangepasst, sie ist unhöflich, sie ist einfach unmotiviert – ab 14 Uhr muss man nichts mehr tun, weil man sowieso seit 35 Jahren nichts zu tun hat. Das einzige, was ihr nicht in den Kram passt ist, nach Rostock gehen zu müssen. Das kommt gar nicht in Frage, und daraus entwickelt sich diese Idee: Wir erfinden jetzt eine islamistische Terrorzelle, dann werden wir hier was zu tun haben und dürfen hier bleiben. Was die Dombrowski aber in diesem Moment nicht überlegt, weil sie sowieso nie überlegt, ist, dass sie damit die Initialzündung setzt für all das ganze Unheil, das sich dann mit der Zeit entwickelt.

Denn auf einmal verwandelt sich das brave und biedere Niederlützel in eine Hochburg der Fremdenfeindlichkeit. Sollte uns diese – wenn auch im Film überzeichnete – Entwicklung nicht auch Sorgen machen?

Ich würde sagen ja. Und ausgerechnet der absolute Sympathieträger, der türkischstämmige Dönerbudenbesitzer, dem alle Herzen zugewandt sind, der mit jedem nett und freundlich umgeht, wird verdächtigt. Plötzlich wendet sich das Blatt, und es eskaliert bis hin zu diesem brutalen Zusammenschlagen.

In der Politsatire bekommen ja im Grunde alle ihr Fett weg, die Wutbürger, die Ermittler, die Medien und der Bürgermeister von Niederlützel…

Der Politiker, der nichts auslässt, um seine Schäflein aufzuhetzen und auf die böseste Art und Weise zu manipulieren. Und der sich zum Schluss der Geschichte dann wieder völlig umwandelt. Leider sehr aktuell in dieser Art und Weise. In dieser Erzählweise bringt uns das oft zum Lachen. In der Realität ist das natürlich gar nicht amüsant.

Wie groß ist denn aus Ihrer Sicht die Gefahr, sich von rechten Strömungen anstecken zu lassen? Steckt in jedem von uns ein Wutbürger?

Das glaube ich nicht. Ich bin der Überzeugung, das hat auch damit zu tun, wie sehr man selber bereit und fähig ist, zu reflektieren und sich nicht zu einem Wutbürger machen zu lassen, einfach in dem man Parolen übernimmt. Es gilt einfach, zu hinterfragen und nicht pauschal zu verdammen. Und das ist ja in Niederlützel der Fall: Jeder brüllt mit dem anderen mit, und man glaubt natürlich, dass der Dönerbudenbesitzer ein Übeltäter ist. Warum plötzlich? Der ist bestimmt seit 30 Jahren oder so in Deutschland und jedermanns Liebling. Auf einmal dreht sich das um. Weil diese Menge sich manipulieren lässt.

“In bester Verfassung” ist eine Web- und TV-Serie, soll also insbesondere auch junge Zuschauer ansprechen. Warum ist es so wichtig, gerade das junge Publikum auf die Gefahr von Rechts aufmerksam zu machen?

Für die jungen Leute ist es vielleicht sehr wichtig, auf eine zum Teil unterhaltsame Weise darauf angestoßen zu werden. Weil wir durch die Informationen, die wir ständig über die Medien bekommen, wahrscheinlich gar nicht mehr genau hin schauen und abstumpfen gegenüber dem, wie gebrüllt wird und wie aggressiv Hetze ist.

Mit Gudrun Landgrebe sprach Hannes Brühl.

Titelbild: obs/ZDF/Joscha Seehausen

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