Bremens koloniales Erbe – Der Umgang mit dem Völkermord

Bremen – Der Völkermord der deutschen Kolonialbesatzung vor 115 Jahren an den Herero und an den Nama hat etwa 50.000 bis 70.000 Menschen das Leben gekostet. Am 11. August wird in Bremen mit einer Gedenkveranstaltung an die Opfer des Völkermordes in Namibia erinnert.

Die Kulturwissenschaftlerin Dr. Cordula Weißköppel von der Universität Bremen kritisiert die aus ihrer Sicht zögerliche Aufarbeitung der kolonialen Geschichte Bremens. Sie plädiert für ein gesamtstädtisches Erinnerungskonzept und eine stärkere Auseinandersetzung mit diesem Thema in der Bildungsarbeit.

Redaktion: Frau Weißköppel, wie steht es um die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte Bremens?

Bremen hat aufgrund seiner Geschichte als Hafen- und Handelsstadt eine besondere Verbindung zu der ehemaligen Kolonie “Deutsch-Südwestafrika”, dem heutigen Namibia. Obwohl es seit einigen Jahren eine Städtepartnerschaft mit Windhoek, der Hauptstadt Namibias, gibt, mangelt es in unserem Stadtstaat an einem übergreifenden Erinnerungskonzept. Hierfür sind vor allem folgende Fragen relevant: In welcher genauen Verflechtung mit dem Kolonialismus in Namibia standen Bremer Kaufleute und Firmen, Institutionen und Akteure? Welche Gebäude und Einrichtungen, städtische Infrastrukturen oder Namensbezeichnungen zeugen noch heute im Stadtbild von der kolonialen Epoche, die für Bremens Erfolg als Hafen- und Handelszentrum von zentraler Bedeutung war? Wie könnten die Zusammenhänge für die Öffentlichkeit heute sichtbarer gemacht und kritisch aufgearbeitet werden? Und welche Bemühungen um Wiedergutmachung und Versöhnung gab es nach dem Ende der deutschen Kolonisierung im Jahr 1915 und nach der Unabhängigkeit Namibias seit 1990?

Redaktion: Was müsste aus Ihrer Sicht jetzt aktiv angegangen werden?

Kulturwissenschaftlerin Dr. Cordula Weißköppel von der Universität Bremen

Erforderlich wäre der Ausbau der gesamten sozial- und kulturgeschichtlichen Forschung über diese bremische und deutsche Verflechtungsgeschichte. Dabei sollten auch die Kontinuitäten in den Blick genommen werden: die Entwicklungen nach dem Ersten Weltkrieg von antikolonialen Bewegungen bis hin zur Kolonialverherrlichung, die unter anderem im Nationalsozialismus wiedererstarkte. Die Verwicklungen zwischen kolonialen Menschen- und Weltbildern und nationalsozialistischen Ideologien wie der Rassenlehre, der Erbgesundheitslehre und dem Antisemitismus müssen in ihren Details rekonstruiert und transparent gemacht werden. Die bereits initiierte Herkunftsforschung zur ethnografischen Sammlung im Überseemuseum sollte verstärkt und die Ergebnisse kontinuierlich in der Öffentlichkeit diskutiert werden.

Bisherige Versäumnisse der Dekolonisierung von Personen-, Institutions- und Straßenbezeichnungen sollten zum Gegenstand einer Erinnerungspolitik werden. Diese darf sich nicht in Umbenennungen und symbolischen Gesten erschöpfen, sondern muss in eine breite Bildungsarbeit zum Kolonialismus in Bremen integriert werden. Das Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft der Universität Bremen kann dazu beitragen, hierfür die wissenschaftlichen Grundlagen zu schaffen.

Redaktion: Wie könnte ein postkoloniales Erinnerungskonzept für Bremen konkret aussehen?

Denkbar wäre das Konzept eines stadtweiten “Erinnerungsparks”, der die verschiedenen Schauplätze miteinander in Beziehung setzt. Noch bestehende Spuren wie beispielsweise das Fries im Bremer Hauptbahnhof über den Tabakhandel – eine der ersten attraktiven “Kolonialwaren”, mit denen Bremer Firmen Reichtum erzielten – müssten für die interessierte Öffentlichkeit kommentiert und kontextualisiert werden. Warum beispielsweise heißt eines der zentralen Einkaufszentren in der Bremer Innenstadt bis heute ­­- ebenfalls unkommentiert – “Lloyd-Passage”? Schließlich beruhte der Erfolg des Norddeutschen Lloyd wesentlich auf der Ausbeutung der Kolonien.

Redaktion: Wie kann das Gedenken an den Völkermord in Namibia gestärkt werden?

Am 11. August 2019 wird insbesondere an den kolonialistisch motivierten Völkermord an Nama und Herero im damaligen “Deutsch-Südwestafrika” durch die deutsche Kolonialherrschaft erinnert. Das zugehörige Mahnmal im sogenannten Nelson-Mandela-Park in unmittelbarer Nähe zum Bremer “Elefanten”, dem Antikolonialdenkmal, ist vielen Bremer Bürgerinnen und Bürgern noch immer nicht bekannt. Es sollte auch im touristischen Stadtmarketing viel stärker als ein zentraler Ort der Bremer Dekolonialisierungsarbeit beworben werden. Dazu gehört unter anderem eine bessere Hinweis-Beschilderung im nächsten geografischen Umkreis zwischen Bahnhof, Bürgerweide und Bürgerpark. Auch regelmäßige Angebote durch professionelle Tourguides wären wünschenswert.

Zudem bedarf es der kontinuierlichen Pflege und eines stärkeren Schutzes gegen Beschädigung und Verwahrlosung; die Informationstafeln zur gesamten Historie und Transformation des Erinnerungsparks um den Bremer “Elefanten” müssten umfassend erweitert, aktualisiert und ins Englische übersetzt werden. Hierbei wäre es wichtig, Expertinnen und Experten aus Namibia, vor allem Vertretende der Nachfahren der damaligen Opfer, in die Konzeption einzubeziehen. Die bislang aktiven Vereine und Initiativen um den “Bremer Elefanten” sollten für ihre ehrenamtliche Arbeit mehr öffentliche Anerkennung finden und durch den Bremer Senat mit angemessenen Ressourcen unterstützt werden.

Bilder: Universität Bremen

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