Der Bau der Mauer war sicherlich das schwärzeste Kapitel in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. / Foto: Hellebardius ist lizenziert unter CC BY-NC-SA 2.0

Deutsche Einheit: Eine fortdauernde Aufgabe

Regensburg/Bremen (ots/fs) – Mit der Deutschen Einheit ist es wie mit der Demokratie. Sie ist nicht abgeschlossen, sondern eine fortlaufende Aufgabe. Sie ist kein fertiges Konstrukt, sondern ein dynamischer Prozess. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung lässt sich keine eindeutige Bilanz ziehen, die Soll- und Habenseite schematisch abgleicht.

Welche Geschichten die vergangenen drei Jahrzehnte geschrieben haben, hängt stark davon ab, wo man hinschaut: Im sächsischen Hoyerswerda, von wo jahrelang junge Menschen abwanderten, wird man andere Erfahrungen hören als im hippen Leipzig. Strukturschwache Regionen weit im saarländischen Westen werden sich kaum mit mecklenburgischen Nach-Wende-Wehen identifizieren können, da sie selbst zu kämpfen haben. Dabei sind sich die vom Kohleausstieg gezeichneten Regionen im rheinischen Revier und der brandenburgischen Lausitz in ihren Problemen heute nah, obwohl sie auf der Ost-West-Achse maximal entfernt liegen.

Jubiläen haben die seltsame Eigenschaft, dass sie zur Aufrechnung von Erfolgen und Versäumnissen verleiten. Im Fall der Wiedervereinigung geht das aber nicht auf. Wie komplex der Status quo der Deutschen Einheit ist, zeigt alleine der Umfang des Berichts der Bundesregierung. Knapp 300 Seiten umfasst er und leuchtet vom gesellschaftlichen Zusammenhalt über die Wirtschaft bis hin zur Gleichstellung insgesamt 18 Themenfelder aus.

Während die Ostdeutschen beim Einkommen noch deutlich hinter dem Westniveau zurückbleiben (86 Prozent), haben die einkommensstärksten Ostländer (Brandenburg, Sachsen) das einkommensschwächste Westland (Saarland) mittlerweile überholt. Zwar klafft die Schere bei der Wirtschaftskraft zwischen Ost und West noch weit auseinander. Dennoch hat sie sich im Osten seit 1990 immerhin vervierfacht. Die Geburtenrate, in den neuen Bundesländern starken Schwankungen ausgesetzt und meist deutlich niedriger als in den alten Ländern, liegt heute fast gleich auf.

Betrachtet man die nackten Zahlen, dann geht das Lamento vom rückständigen Osten heute nicht mehr auf. Das ist zum Jubiläum am 3. Oktober ein Grund zur Freude.

Doch natürlich lässt sich die deutsche Einheit nicht allein an trockenen Daten messen. Das wird der tiefen Verwerfungen, die die Zusammenführung zweier Staaten und Gesellschaften auch mit sich gebracht hat, nicht gerecht. Die DDR und ihre Auflösung haben Leben geprägt, manche Biografien auch gebrochen. Doch bis heute bekommen diese Geschichten in der vereinten Republik zu wenig Aufmerksamkeit. Stattdessen wird die Wiedervereinigung oft als ein eingleisiger Prozess verstanden: Der Osten solle sich dem Westen angleichen. Das westdeutsche Niveau gilt immer als Maßstab. Echte Vereinigung aber braucht Bewegung in beide Richtungen.

Und tatsächlich könnte der Westen umgekehrt noch viel lernen. Es fängt bei der Kinderbetreuung und der Gleichstellung der Geschlechter im Berufsleben an. Was in Ostdeutschland schon immer selbstverständlich war, musste im Westen erst mühsam erkämpft werden. Und noch immer gibt es strukturelle Defizite. Lernen kann der Westen auch von der ostdeutschen Fähigkeit, mit Wandel und Brüchen zurechtzukommen. Gerade in dieser Zeit, in der sich mit der Pandemie, dem Klimawandel und der Digitalisierung enorme Herausforderungen überlagern, ist Krisenfestigkeit eine gefragte Eigenschaften.

Mehr Lernbereitschaft steht gerade den Selbstbewussten unter den Westländern gut zu Gesicht.

Bei der Zustimmung zur Demokratie ist es genau umgekehrt. Während 91 Prozent der Bevölkerung in West sie als beste Staatsform sehen, sind es in Ost nur 78 Prozent. Die Demokratie muss geschützt, gestärkt und immer wieder neu befeuert werden. Genauso ist es mit der Deutschen Einheit.

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