Die deutsche Willkommenskultur ist noch immer stark

Über sieben Jahre hat Habtom Andebrahan seine Frau nicht mehr gesehen. Die gemeinsame Tochter noch nie auf dem Arm gehabt. Kurz nach der Hochzeit in Eritrea und noch vor der Geburt des Kindes wurde der eritreische Soldat verhaftet – weil er seinen Heimaturlaub überzogen hatte. Was folgte, war ein mehrjähriges Martyrium mit zum Teil lebensgefährlichen Fluchtetappen. Seit fünf Jahren lebt der 33-Jährige in einer Unterkunft in Böblingen, arbeitet bei Real an der Kasse und hofft inbrünstig, dass seine Familie bald nachzieht. Was ihm unglaublich geholfen hat: Flüchtlingshelfer vor Ort.

Deren Einsatz kann kaum hoch genug geschätzt werden. Sie vermitteln Sprachkurse, helfen beim Bewältigen der deutschen Formularflut, bei der Suche nach einer Wohnung oder hören einfach nur zu. Die Flüchtlingshelfer verkörpern die viel gerühmte deutsche Willkommenskultur. Noch immer. Willkommenskultur? War da was? Wir erinnern uns an das Jahr der großen Flüchtlingswelle 2015, als dieser Begriff in aller Munde war. Deutschland wurde weltweit für seine offenen Arme bewundert, mit denen es die vielen Flüchtlinge willkommen hieß. Doch die Stimmung im Land kippte. Vereinzelt kam es zu Straftaten, allen voran nisteten sich die Übergriffe in der Silvesternacht 2015 auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz ins kollektive Bewusstsein.

Auf einmal galten Flüchtlinge als bedrohlich, die Angst vor Überfremdung beschlich den ein oder anderen. Und wurde durch die Rechtspopulisten der AfD bereitwillig geschürt. Sie verdankt der Flüchtlingswelle ihren Einzug in viele Länderparlamente und in den Bundestag. Mit plakativen Parolen und aus dem Kontext gerissenen Statistiken zeichnet die Partei ein Zerrbild der Angst. Als ob die Flüchtlinge das größte Problem des Landes seien. Eine brauchbare Alternative hat die Alternative für Deutschland seitdem nicht präsentiert. Jetzt, vier Jahre nach der ersten großen Welle, haben sich Wogen geglättet. Zurück bleibt ein nüchterner Blick auf die Fakten.

Der zeigt zweierlei. Einerseits haben Flüchtlinge in der Kriminalitätsstatistik Spuren hinterlassen und stehen hier und da auch vor Gericht. Hier gibt es nichts schönzureden. Auch im Kreis Böblingen ist ein geringer Effekt messbar. Im Jahr 2018 registrierte die Polizei 4257 Straftaten, die Personen nicht-deutscher Herkunft begangen haben. 915 davon wurden von Asylbewerbern begangen. Im Vergleich zur Gesamtzahl der begangenen Straftaten ist das nur ein kleiner Teil. Die lag 2018 im Kreis bei 19 237 – also dem zwanzigfachen. Viel beträchtlicher ist auf der anderen Seite aber die Zahl der Asylbewerber, die sich um Sprachkurse bemühen, Arbeit finden wollen und sich integrieren.

Bild: DNN

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