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Faktencheck: Zeilen über "Heimatraub" – Rechte Fake-News

Berlin/Ganderkesee (ots/fs) – Dem österreichischen Schriftsteller Adalbert Stifter (1805-1868) wird gelegentlich ein Gedicht zugeschrieben, in dem es unter anderem heißt: “Denn Heimatraub ist mehr als Mord, den kann kein Gott verzeihen.” (https://v.gd/ijc4Tl)

Bewertung

Diese Zeilen stammen nicht von Adalbert Stifter, sondern höchstwahrscheinlich aus der sudetendeutschen Publizistik nach 1945. Sie wurden also erst rund 80 Jahre nach Stifters Tod gedichtet. Die Gedichtzeilen werden unter anderem von Rechtsextremisten verwendet.

Fakten

Im Mai 2019 veröffentlichte die AfD ein Gedicht auf der Rückseite der zweiten Ausgabe ihrer “Blauen Post Berlin”, einer Broschüre mit Beiträgen sächsischer Abgeordneter in der AfD-Bundestagsfraktion. In weißer Schrift auf blauem Grund steht dort:

“Wer einem Volk die Heimat raubt, der ist von Gott verflucht. Der findet keinen Frieden mehr, so sehr er ihn auch sucht. Kein Segen ruht auf seinem Werk, kein Blühen und Gedeihen. Denn Heimatraub ist mehr als Mord, den kann kein Gott verzeihen.”

Als Urheber wird der Schriftsteller Adalbert Stifter angegeben. Weder die genaue Quelle des Gedichtes noch das Jahr der Erstveröffentlichung werden genannt. Eine Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ließ die AfD unbeantwortet. (https://v.gd/iIAcRO)

Georg Hofer vom Adalbert-Stifter-Institut in Linz teilte der dpa mit, er habe die fraglichen Zeilen nirgendwo in Stifters Werken finden können. Der Inhalt des Textes widerspreche zudem “gänzlich Stifters sonstigem Weltbild”.

Auch der Literaturwissenschaftler Johannes John, Mitherausgeber der Historisch-Kritischen Ausgabe von Stifters Werken, hält den österreichischen Schriftsteller nicht für den Urheber. Die Zeilen ließen sich nicht in den vorliegenden Gedichten Stifters finden, sagte John der dpa. Der Stifter-Experte Wolfgang Matz teilte der dpa mit, dass ein solches Gedicht im historischen Kontext von Stifters Zeit gar keinen erkennbaren Sinn habe.

Statt im Werk von Stifter findet man eine Fassung dieser Zeilen in der sudetendeutschen Publikation “Teplitz-Schönauer Anzeiger” von 1950. Das Gedicht hat dort insgesamt fünf Strophen (https://v.gd/wPgXFp); die ersten beiden entsprechen weitgehend den von der AfD zitierten. Als angeblicher Autor wird Anton Alois Weber angeführt, der ehemalige Bischof von Leitmeritz (tschechisch Litoměřice). Der Historiker Tobias Weger hält die Urheberschaft Webers jedoch für zweifelhaft (https://v.gd/VZqBwt).

In zwei Büchern, die in den Jahren 2000 und 2009 im rechtsextremen NPD-Verlag “Deutsche Stimme Verlags GmbH” erschienen, findet man einen Hinweis auf einen anderen möglichen Autor der Zeilen. Das Gedicht wird dort jeweils mit dem Zusatz “Mahnung und Gebetsfluch von Pater Reichenberger” zitiert (https://v.gd/UCRnaY, https://v.gd/kf5K1R). Emanuel (manchmal auch Emmanuel) Reichenberger war ein schillernder katholischer Priester und Vertriebenen-Publizist, der nach dem Zweiten Weltkrieg stark nationalistische Töne anschlug. (https://v.gd/hUL2mp, https://v.gd/8fVbG1)

Die Zeilen über den “Heimatraub” wurden im Jahr 2002 auch von der rechtsextremen Band “Stahlgewitter” als Text im Lied “Was immer auf Erden besteht” verwendet. (https://v.gd/ofwdUY) Dort – und auch in einigen Posts in sozialen Netzwerken – wird der Text mit authentischen Gedichtzeilen von Stifter kombiniert: “Denn, was nur als groß auf Erden besteht, besteht aus Sitte und Treue. Wer heute die alte Pflicht verrät, verrät auch morgen die neue.” (https://v.gd/CYPLMx) Diese Zeilen sind tatsächlich von Stifter und stammen aus dem Jahr 1849. (https://v.gd/JGJRoo)

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