Faschismus: Nationale und soziale Zutaten

Clara Zetkin referierte 1924 vor der Kommunistischen Internationale über die Neigung bürgerlicher Intellektueller zu imperialistischem Nationalismus und Faschismus.

Über den Imperialismus hat Cecil Rhodes (1853–1902, britischer Unternehmer und Politiker, jW), der bekannte englische Imperialist, einen charakteristischen Ausspruch getan: »Den Imperialismus oder die Revolution!« In der Tat, so standen die Dinge. Die bürgerlichen Reformer, die ihre sozialen Reformen zur Bannung der Revolution durchführen wollten, jedoch ja nicht auf Kosten des heiligen Profits, der Herrschaftsstellung der Bourgeoisie, mussten eine andere wirtschaftliche Basis für die Reformen suchen. Sie fanden sie außerhalb ihres Heimatlandes, in der Ausbeutung der kolonialen und halbkolonialen Völker, deren skrupellose, unmenschliche Ausplünderung und Knechtschaft übernormale Profite einbrachte, aus denen die Kapitalisten die Brosamen von gewerkschaftlichen Zugeständnissen und sozialen Reformen zahlten, die sie den »Volksgenossen« im Mutterlande machten. Aber noch ein anderes Motiv war maßgebend dafür, dass die Sozialreformer zu Vorkämpfern des Imperialismus wurden. Das war die Sorge für die eigene Existenz. Innerhalb des Vaterlandes fanden viele Geistesarbeiter keine lohnende Beschäftigung, keine »standesgemäße« Existenz mehr. Die Kolonien boten ihnen den Ausblick auf glänzende, angesehene Karriere, auf gesichertes, hohes Einkommen, auf Abenteuer und Ruhm. Kein Wunder, wie die Dinge lagen, dass der Imperialismus seine leidenschaftlichen Verfechter gerade unter den Intellektuellen fand. (…)

Wie Intellektuelle früher die Schöpfer der bürgerlichen, die Schöpfer der nationalen Ideologie gewesen waren, so stellte nun ihre jüngere Generation die Schöpfer der Ideologie des Imperialismus, Klopffechter dilettantischer Rassentheorien, die alle Widersprüche und Greuel der Kolonialpolitik rechtfertigten; Intellektuelle wurden die fanatischsten Agitatoren und Organisatoren des Imperialismus, die grausamsten praktischen Vertreter der Ausbeutung und Knechtschaft der Völker in den kapitalistischen Kolonien und Halbkolonien. Intellektuelle bewiesen, dass sie bei Ausraubung und Versklavung der kolonialen Völker zu vereinigen wussten die ganze scheußliche Brutalität der Conquistadores aus der Zeit der urwüchsigen Akkumulation des Kapitals mit dem vollen Raffinement der modernen Kultur- und Herrenmenschen. (…)

Wir erleben gegenwärtig in allen kapitalistischen Ländern eine starke Politisierung des Kleinbürgertums und damit der Intellektuellen, eine Politisierung, wie wir sie bis jetzt noch nicht gekannt haben. Die Intellektuellen treten aus dem Gebiete der Sozialreform und betreten den Boden des politischen Kampfes. Sie erwarten eine Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr von der Vernunft, von der Einsicht der Bourgeoisie, sondern von dem Druck des politischen Kampfes, von der Eroberung der Staatsmacht und unter Umständen von der Aufrichtung der Diktatur. Der stärkste Ausdruck der Politisierung der Intellektuellen ist der Faschismus. Große Intellektuellenmassen sind nicht nur in allen Ländern die Träger des Faschismus, sondern Intellektuelle sind auch zumeist die Schöpfer seiner Ideologie. Diese ist eine Fortsetzung der imperialistischen Ideologie, verquickt und aufgeputzt mit nationalen und sozialen Zutaten.

Bild: DHM

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