25. Mai 2020

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Film-Tipp: Der gewöhnliche Antisemitismus – Neues Meisterwerk von Roman Polanski

Roman Polanski und Ryszard Horowitz am Set von «Polanski, Horowitz. The Wizards from the Ghetto». / Foto: Robert Słuszniak KRK FILM (CC BY-SA 4.0)

Der Film beginnt am 5. Januar 1895, als der wegen Hochverrat verurteilte französische Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus im Hof der École Militaire öffentlich degradiert wird, seine Vorgesetzten ihm die Epauletten von den Schultern reißen und sein Schwert zerbrechen. Getreu den zeitgenössischen Darstellungen inszeniert Polanski das eindrücklich, aber nüchtern, in einem riesigen Karrée aus Soldaten mit Hunderten von Komparsen, im Hintergrund der noch junge Eiffelturm.

Hinterm Zaun, auf den Bäumen das Volk versammelt zum Gaffen und Schmähen. Genauso schaulustig, daran lässt die Szene keinen Zweifel, hätten die Leute auch der Hinrichtung von Dreyfus zugesehen, nur war die Todesstrafe in Frankreich schon vor einer Weile abgeschafft worden. Der antisemitische Aspekt dieser Verurteilung wird hier von Anfang an klar angesichts der Kommentare sowohl in der Armee als auch in den Zwischenrufen jenseits des Zauns. Dann, nach der Deportation von Dreyfus auf die Île du Diable, die Gefängnisinsel in Südamerika, beginnt der eigentliche Plot:

Ein hoffnungsvoller Offizier der französischen Armee, Marie-Georges Picquart, übernimmt die Leitung der Spionageabwehr und stösst zufällig darauf, dass der einzig belastende Brief, den Dreyfus angeblich zur Weitergabe geheimer Informationen an die Deutschen geschrieben hat, von jemand anderen stammt. Da das Corpus Delicti triumphierend in einem Bilderrahmen an Piquarts Bürowand hängt, kann er das schnell nachprüfen. Sofort teilt er diese Entdeckung seiner Umgebung mit, doch weder seine Untergebenen noch seine Vorgesetzten wollen daraus Schlüsse für Dreyfus’ Unschuld ziehen.

Den Unwillen der Männer nimmt Piquart wahr, aber er lässt nicht locker. Und es beginnt ein Kampf von vielen Jahren, währenddessen er von Ministern, Kollegen und dem Volk auf der Strasse als „Judenfreund“ angefeindet und schliesslich selbst bedroht und verhaftet wird. Der Film weitet den Schauplatz aus und erzählt das Ringen auch der Dreyfus-Familie und ihrer Verbündeten, zu denen der Dichter Emile Zola zählt, der auf dem Höhepunkt der Affäre, 1898, den berühmten Zeitungsartikel „J’accuse…!“ – „Ich klage an…!“ gegen die damals namentlich bereits bekannten militärischen und staatlichen Strippenzieher der Dreyfus-Verurteilung schrieb. Die Schlagzeile gab dem Film seinen Originaltitel, der zum deutschen Kinostart mit „Intrige“ ersetzt wurde.

Der Trick Polanskis besteht darin, dass er den „unverdächtigen“, weil nichtjüdischen Major Picquart zunächst als Hauptrolle präsentiert. Unter einer anderen Regie wäre Piquart vielleicht wirklich als der grosse Held erzählt worden, der als Fürsprecher Dreyfus‘ die Anständigkeit der Christen rettet. Bei Polanski jedoch wird eindringlich auch die Perspektive des verfolgten Juden erzählt. Dreyfus ist Polanskis eigentlicher Held. Dreyfus‘ Blick aus dem vergitterten Fenster der kleinen Hütte auf der Insel, seine Freigänge unter den Augen der Wachen, die nächtliche, ganz unnötige Folter mit Eisenringen, der gepresste Ruf „Ich bin unschuldig!“, als ihm die goldenen Tressen abgerissen werden.

Diese leidtragende und dabei Contenance bewahrende und in aller Form protestierende Figur ist ein Bruder Polanskis, sein Vertrauter über die Epochen hinweg. Egal, ruft er ihm zu, ob du als einziger Jude es in den französischen Generalstab geschafft hast, Bruder, gib acht, denn es wird immer welche geben, die es dir neiden, und sie brauchen nur dein Jüdischsein in die Waagschale zu werfen, und schon stossen sie auf den riesigen Echoraum europäischen Judenhasses, und sie verfolgen dich. Polanski zeigt einen Dreyfus, der auf leise Art standhaft bleibt und ungebrochen.

Der Film vermeidet starke Emotionen, ist spannend und entfaltet die Intrige mit Blick fürs Detail, beobachtet die Willkür der Machthaber, den johlenden Mob. Zugleich ist ihm wichtig, den Zustand der von beiläufigem und explizitem Antisemitismus durchdrungenen französischen Gesellschaft sichtbar zu machen, was getrost als Beispiel für ganz Europa um die vorletzte Jahrhundertwende genommen werden kann. Die Nüchternheit, mit der Roman Polanski erzählt, ist sein Credo: kein Pathos, keine Sentimentalität. Es reicht, diese Geschichten detailliert zu erzählen, mit der Erfahrung des Verfolgten, der Polanski selbst war.

Er, Jahrgang 1933, der als Kind einer polnisch-jüdischen Familie Nazi-Verfolgung, Ghetto und Flucht erlebte und das Verschwinden seiner Mutter, die in Auschwitz ermordet wurde, wollte im Kino niemals seine eigene Geschichte erzählen. Stattdessen ergriff Polanski Gelegenheiten, andere Überlebensgeschichten zu erzählen, wie die des polnisch-jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman in „Der Pianist“ oder eben diese hier des französisch-jüdischen Berufssoldaten Alfred Dreyfus.

Der Regisseur Polanski verwandelt die Schauspieler in ihre Figuren und bringt sie zu Leistungen in einer Zurückhaltung, dass sie alle ihre Tricks vergessen und nur ihrem Platz in der Geschichte verpflichtet sind. So stattet der eigentlich so strahlende dunkellockige Schauspieler Louis Garrel seinen Alfred Dreyfus mit von der Haft ungesunder Blässe, Halbglatze und Kurzsichtigkeit ganz entsprechend überlieferten Bildern aus und kann die Sensibilität des Gequälten in ganz subtilem Mienen- und Körperspiel sichtbar machen. Wie gravierend ein gepflegter Schnurrbart die Haltung eines Mannes festlegen kann, zeigt die ebenfalls karge Darstellung des Major Piquarts durch Jean Dujardin.

Und all die Antisemiten mit ihren fleischigen Gesichtern besetzt Polanski einprägsam und zeigt sie mit der historischen Gewissheit, dass sie dieses eine Mal wenigstens verloren haben. Einmal, mit lachenden Augen, schummelt sich der körperlich zierliche Polanski selbst in eine Ansammlung hochgewachsener Würdenträger, als hätte er eine Wette verloren – oder gewonnen. Die Kamera führte zum Glück wieder Pawel Edelman, der seit „Der Pianist“ Polanskis Kameramann geblieben ist; so filmte er wieder konzentriert die Ereignisse im düsteren Schein von Petroleumlampen, in alten Gemäuern, an echten Pariser Strassenecken, in Gefängnisgängen, Gerichtssälen und klaren Arrangements, mit der kunstvoll hergestellten Patina von über 100 Jahren und vermeidet seinerseits alle optischen Tricks, zieht sich hinter der Geschichte zurück.

1906, im Jahr der Rehabilitierung Dreyfus’, endet der Film. Bis dahin erhält sich Roman Polanski seine erzählerische Sachlichkeit, auch in der letzten Szene, als trotz Solidarität und Freispruch klar wird, dass Alfred Dreyfus hier niemals gleichberechtigt behandelt werden wird.

Aber: wer die Geduld hat, den Abspann über zu bleiben, erlebt dann Polanskis ganz eigenen Gefühlsausbruch, per Musik, für die, die hören können: mit Pauken und Trompeten und zwischendurch schüchternen Geigen stampft eine gewaltige musikalische Warnung durch den Saal, vibrierend bis in die Kinosessel, alarmierend, hochdramatisch und ankündigend das 20. Jahrhundert mit seinem von Deutschen organisierten Mord an den europäischen Juden, mit seinem weit in die Mitte unserer Gesellschaft reichenden antijüdischen Hass, dem ganz gewöhnlichen Antisemitismus, bis zum heutigen Tag.

Ein Artikel von Angelika Nguyen, telegraph.cc


Dieser Artikel erschien zuerst im “untergrundblättle” und steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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