Internationaler Tag gegen Homo- und Transphobie – Die Mehrheit schweigt

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Queere Menschen sind noch immer das Ziel ständiger Anfeindungen und Bedrohungen. Mit großer Solidarität können sie nicht rechnen. Ein Zwischenruf zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie.

Der Kontrast hätte kaum größer sein können an diesem sonnigen Frühlingstag. Grade noch hatten mich die Gewölbe des Berghains verschluckt, des Ortes, den ich für das Epizentrum von Toleranz und Diversity halte. Und plötzlich meldet sich die Realität in Form eines hochgewachsenen blonden Mackers zurück, der mir auf dem Nachhauseweg auf dem schmalen Parkweg entgegenkommt. „Na“, rief er mir schon von zehn Metern Entfernung zu, „hast du dich schön in den Arsch ficken lassen?“ Noch immer eingenommen von der dunkelbunten Unterwelt des Technoklubs mit seiner freizügigen und vor allem schwulen Sexualkultur brauchte ich einige Zeit, bis ich verstand. Das war ein Schwulenhasser, und ich war sein Opfer.

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Ein anderes Mal schlenderte ich des Abends zum Späti, um zwei Flaschen halbtrockenen DDR-Sekt zu erstehen. Weil ich danach mit einigen Freundinnen ausgehen wollte, trug ich jene schwarze Latex-Look-Leggins, die ich einige Monate zuvor schon auf dem Nachhauseweg vom Berghain trug. Am Eingang bauten sich drei schlaksige Jungs in ihren späten Teenager-Jahren auf. Beim Herein- und Herausgehen zischten sie mir irgendetwas zu, das ich nicht so recht verstand. Doch es war eine unüberhörbare Drohung. Auch hier war klar: Sie hielten mich fälschlicherweise für einen Schwulen und wollten mir zeigen, was sie von denen halten.

Es mag komisch klingen, aber irgendwie bin ich dankbar für diese Erfahrungen. Denn so konnte ich für den Bruchteil eines Augenblicks aus erster Hand erleben, wie der Alltag für Schwule, Lesben, Transpersonen und all jene aussieht, die für nicht wenige Menschen als „nicht normal“ gelten.

An diesem 17. Mai ist es 29 Jahre her, dass die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel gestrichen hat. Männer, die Männer lieben und Frauen, die Frauen lieben, gelten seitdem nicht mehr als krank. In Deutschland brauchte die Revolution noch ein bisschen länger: Erst 1994 wurde der berüchtigte Paragraf 175, der in seiner Ursprungsfassung sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, in Deutschland endgültig gestrichen. Doch diese Reformen haben den Hass in den Köpfen nicht verschwinden lassen. Die subtilen Bedrohungen, die ich zufällig miterlebte, sind dabei noch die harmloseren Varianten.

Ganze Familien prügeln auf offener Straße auf schwule Männer ein, Taxifahrer weigern sich, Transsexuelle zu befördern, Lesben werden angespuckt und geschlagen. Für das Jahr 2018 nennt die Polizei eine Zahl von 313 Straftaten im Themenzusammenhang „sexuelle Orientierung“ – Experten schätzen, dass 80 bis 90 Prozent der Taten von den Opfern nicht angezeigt werden. Ich weiß das nicht nur aus der Zeitung, sondern brühwarm erzählt von Freundinnen und Freunden, die dies immer wieder am eigenen Leib erleben müssen. Dass irgendwelche kirchlichen Gruppen immer noch „Konversionstherapien“ für Homosexuelle anbieten, ist noch die geringste Zumutung.

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