Der fünfzehnjährige Kamal * lebt mit seinem Bruder Abdul * (12), seiner Großmutter Gulsan * (62) und seinem Großvater Rashid * (65) in den Rohingya-Flüchtlingslagern in Cox's Bazar, Bangladesch. Kamals Eltern und fünf seiner Geschwister wurden getötet, als vor drei Jahren in Myanmar Gewalt ausbrach und mehr als 700.000 Rohingya-Kinder und Erwachsene auf der Suche nach Sicherheit nach Bangladesch flohen. Kamal wurde am Kopf getroffen und muss wegen seiner Verletzung noch medizinisch versorgt werden. Kamal sagt, dass das Leben im Lager schwierig ist und dass er traurig ist, weil er seine Eltern und Geschwister vermisst. Er ist auch besorgt über seinen Bruder Abdul, der Probleme mit seiner Sprache hat und nicht sprechen kann. Gulsan kümmert sich um ihre Enkelkinder, aber sie macht sich Sorgen darüber, wer sich um sie kümmert, wenn sie weg ist. / Foto: © Save the Children

Keine Rechte, keine Perspektive: 100.000 Rohingya-Kinder kamen in Flüchtlingscamps zur Welt

Cox’s Bazar/Sittwe/Bremen (ots/fs) – Mehr als 100.000 Rohingya-Kinder sind in den vergangenen Jahren in Myanmar und Bangladesch in Lagern für Geflüchtete und Vertriebene zur Welt gekommen, fast drei Viertel davon im Flüchtlingslager Cox’s Bazar. Diese Kinder haben seit ihrer Geburt keinen ausreichenden Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung, keine Bewegungsfreiheit und hängen fast vollständig von Hilfe ab. Save the Children warnt vor dem Heranwachsen einer verlorenen Generation und fordert eine dauerhafte politische Lösung für die muslimische Minderheit.

Die UN-Kinderrechtskonvention spricht jedem Kind auf der Welt das Recht auf Gesundheit, Bildung und Schutz zu. Die Rohingya-Kinder in den Camps haben nichts von alledem – seit Jahren. Hier wachsen vor den Augen der Weltöffentlichkeit hunderttausende Kinder heran, die keine Zukunft haben. Unfreiheit, Diskriminierung und Chancenlosigkeit bestimmen ihr bisheriges Leben.

Susanna Krüger, Vorstandsvorsitzende von Save the Children Deutschland

Die meisten der insgesamt 108.037 Kinder, die in Camps in Myanmar und im benachbarten Bangladesch geboren wurden, gehören der Rohingya-Volksgruppe an, deren gewaltsame Vertreibung aus ihren Dörfern im myanmarischen Bundesstaat Rakhine sich am 25. August 2020 zum dritten Mal jährt. Andere zählen zur Volksgruppe der Kaman.

Die Regierung und die Bevölkerung von Bangladesch haben die Rohingya großzügig aufgenommen. Aber nach drei Jahren ist noch immer keine nachhaltige Lösung für diese Flüchtlingskrise in Sicht. Die Kinder und Familien müssen die Möglichkeit bekommen, freiwillig, sicher und in Würde nach Myanmar zurückzukehren. Die Mächtigen der Welt – insbesondere diejenigen mit engen Beziehungen nach Myanmar – müssen alles tun, um eine schnelle Lösung zu unterstützen. Wir können nicht zulassen, dass die Jahre ins Land ziehen und Mädchen und Jungen ihre gesamte Kindheit in Gefangenschaft verbringen müssen.

Onno van Manen, Länderdirektor von Save the Children in Bangladesch
Hakim *, 2, mit seiner Mutter Cox’s Bazar, Bangladesch. Munira Bibi * hat drei Kinder und lebt im größten Flüchtlingslager der Welt in Cox’s Bazar, Bangladesch. Viele der Nachbarn und Freunde von Munira Bibi wurden getötet, als vor drei Jahren in Myanmar Gewalt ausbrach und mehr als 700.000 Rohingya-Kinder und Erwachsene auf der Suche nach Sicherheit nach Bangladesch flohen. Zwei von Munira Bibis Söhnen – Hakim * (2) und Mohammed * (1) – wurden im Lager geboren und standen vor vielen Herausforderungen. Die Familie lebt unter Bedingungen, die nicht für Kinder geeignet sind, mit eingeschränktem Zugang zur Gesundheitsversorgung, ohne Bewegungsfreiheit und fast ausschließlich auf Hilfe angewiesen. Save the Children schätzt, dass seit 2017 75.971 Kinder in den Lagern in Cox’s Bazar geboren wurden. Munira Bibis Ehemann hatte Schwierigkeiten, einen Job zu finden, und dies bedeutete, dass sich die Familie kein nahrhaftes Essen leisten konnte. Sowohl Hakim als auch Mohammed leiden unter Unterernährung, wodurch sie einem erhöhten Risiko für Krankheiten, Infektionen und Stunts ausgesetzt sind. Stunting beeinflusst nicht nur das körperliche Wachstum von Kindern, sondern auch deren geistige Entwicklung, Produktivität und Gesundheit im Erwachsenenalter. / Foto: © Save the Children

Mehr als 700.000 Rohingya waren seit August 2017 vor der brutalen Gewalt nach Bangladesch geflohen, laut UNO handelte es sich bei dieser gewaltsamen Vertreibung um ethnische Säuberung. Im Flüchtlingslager von Cox’s Bazar leben aktuell schätzungsweise 75.971 Rohingya-Kinder unter drei Jahren (Stand 31. Mai 2020), das entspricht neun Prozent der Bewohner. Eines von ihnen ist Rajiya*, ein 2019 geborenes Mädchen, das der Fotograf Dominic Nahr für das Fotoprojekt “Ich lebe” zum 100-jährigen Jubiläum von Save the Children porträtiert hat (weitere Informationen unten).

Im Bundesstaat Rakhine in Myanmar flohen bereits seit 2012 zehntausende Rohingya und Kaman vor ethnisch motivierter Gewalt gegen die beiden muslimischen Minderheiten. Im Zentrum von Rakhine lebten im Dezember 2019 insgesamt schätzungsweise 32.066 Kinder unter sieben Jahren in 21 Vertriebenenlagern. Das ist ein Viertel der Gesamtzahl der Binnenvertriebenen.

Mehr als 30.000 Kinder in den Lagern von Rakhine kennen kein anderes Leben, keine Möglichkeit, die Welt draußen zu erkunden oder ihre Städte und Dörfer zu besuchen. Kein Kind sollte in einem geschlossenen Lager geboren werden, abgeschottet von Kindern anderer ethnischer oder religiöser Gemeinschaften. Wir müssen verhindern, dass eine ganze Generation von Kindern in erzwungener Segregation aufwächst, denn das führt zu noch mehr Spaltung. (…) Fast drei Jahrzehnte, nachdem Myanmar die UN-Konvention über die Rechte des Kindes ratifiziert hat, muss das Land sein Versprechen einlösen, die Rechte aller Kinder zu garantieren. Langfristige Lösungen müssen dringend umgesetzt werden, um Bewegungsfreiheit, Staatsbürgerschaft und andere Grundrechte für Rohingya-Kinder und ihre Familien zu gewährleisten.

Mark Pierce, Länderdirektor von Save the Children für Myanmar, Sri Lanka und Thailand

In Unfreiheit geboren: Drei Beispiele

Rajiya*

Cox’s Bazar, Bangladesh, 2019 Rajiya kam in der Save the Children Klinik (PHCC) im Flüchtlingslager am 04.03.2019 zur Welt. Mehr als 745.000 Rohingya sind seit August 2017 aus Myanmar nach Bangladesch geflohen. Rajiyas 20-jährige Mutter Ismat Ara war unter ihnen. / Foto: © Save the Children

Rajiya* wurde 2019 im Flüchtlingslager von Cox’s Bazar in der Mutter-Kind-Station von Save the Children geboren. Der Fotoreporter Dominic Nahr fotografierte das Mädchen, als es 15 Tage alt war. Rajiyas* Mutter Jannat* war im August 2017 aus Myanmar nach Bangladesch geflohen. Im Lager lernte sie einen Mann kennen, heiratete ihn, wurde schwanger, doch der Vater von Rajiya* verließ Jannat* kurz darauf für eine andere Frau. Die junge Mutter ist allein und verzweifelt. Sie sagt: “Das Leben in Myanmar ist für uns voller Leid. Es gibt für uns keine Gerechtigkeit, kein Gesetz, nichts.”

Runa*

Hamida * (40) und Runa * (3) leben in den Rohingya-Flüchtlingslagern in Bangladesch und besuchen die Save the Children’s Clinic. Vor drei Jahren flohen Hamida * (40), ihr Ehemann und vier Kinder vor Gewalt in Myanmar und überquerten die Grenze nach Bangladesch. Während der Reise gebar Hamida ihr fünftes Kind, Runa *. Seitdem kennt Runa nur noch das Leben im größten Flüchtlingslager der Welt in Cox’s Bazar, wo die Familie jetzt lebt, da es für sie immer noch unsicher ist, nach Hause zurückzukehren. Hamida sagt, während sie glücklich ist, dass ihre Kinder jetzt in Sicherheit sind, ist das Leben im Lager schwierig, da sie nicht genug Geld verdienen können, um für ihre Kinder zu sorgen. Runa war oft krank und litt unter Unterernährung, wodurch sie einem erhöhten Risiko für Krankheiten, Infektionen und Stunts ausgesetzt ist. Stunting beeinflusst nicht nur das körperliche Wachstum von Kindern, sondern auch deren geistige Entwicklung, Produktivität und Gesundheit im Erwachsenenalter. / Foto: © Save the Children

Die dreijährige Runa* kam während der beschwerlichen Flucht ihrer Mutter über die Grenze zwischen Myanmar und Bangladesch auf die Welt. Runa* leidet an chronischer Unterernährung. “Ich mache mir Sorgen um die Ausbildung meiner Kinder, ihre Zukunft, ihr Verhalten”, sagte Runas Mutter Hamida* zu Save the Children. “Ich kann ihnen nicht geben, worum sie bitten, da wir kein Geld haben. Wir können ihre Träume nicht erfüllen. Wir können sie nicht lieben und uns nicht richtig um sie kümmern. Deshalb bin ich sehr traurig. Ich kann sie nicht mit gutem Essen versorgen. Wenn sie um etwas bitten, kann ich es ihnen nicht geben.”

Khadija*

Khadija* hat sieben Kinder, von denen zwei geboren wurden, nachdem sie vor der Gewalt gegen die Rohingya in Rakhine 2012 in ein Lager für Binnenvertriebene floh. “Ich habe Kinder, um die ich mich kümmern muss. Ich muss sie ernähren, sie zur Schule schicken, also muss ich irgendwie zurechtkommen”, sagte sie zu Save the Children. “Wir haben viel gelitten, nachdem wir hierherkamen. Wir konnten nicht essen, schlafen oder unseren Kindern Medikamente geben. Sie haben Häuser niedergebrannt und einige Menschen auf dem Markt lebendig verbrannt. Wir hatten nicht erwartet, mit unseren Kindern lebend davonzukommen.”


* = Namen zum Schutz der Betroffenen geändert.

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