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Kommentar zu Berlins radikale Linke und dem 1. Mai – Oder: Mein Brief

Ganderkesee (fs) – Was mussten wir da heute lesen: “Berlins radikale Linke will sich von den aufgrund der Coronakrise erlassenen Versammlungsbeschränkungen nicht einschüchtern lassen und bereitet sich auf Massenaktionen zum diesjährigen 1. Mai vor.” Liebe Radikale Linke aus Berlin, wir haben mal ein wenig Redebedarf.

Mein Brief an Dich radikale Linke

Liebe radikale Linke, ich habe da mal ein paar Problemchen. Eigentlich fängt es ja schon damit an, dass ich noch nicht mal weiß, ob ich nun die Radikale Linke oder die radikale Linke schreiben soll. Egal. Heute musste ich lesen, dass Ihr auch zu Corona-Zeiten kein Risiko scheuen werdet am 1. Mai und mit voller linker Front Euch gegen den staatlichen Rassismus und den alltäglichen Rassismus aussprechen wollt. Ihr wollt Euch nicht einschüchtern lassen von dieser auch wirklich blöd laufenden Corona-Pandemie. Hey, 1. Mai, Tag der Arbeit. Da muss man doch raus auf die Straße und protestieren. Natürlich in Berlin auch wirklich die harte rote Kante zeigen. Tradition ist ja nun auch mal Tradition. Übrigens ein urdeutscher Charakterzug.

Es ist gut und wichtig sich dem Rassismus entgegen zu stellen. Ja, da bin ich voll und ganz Eurer Meinung. Keine Frage. Der alltägliche Rassismus ist in unserem Land teilweise kaum noch auszuhalten. Vergessen wir dabei auch nicht den vorherrschenden Hass gegen Muslime und gegen die Juden. Autsch, ja ich weiß, Antisemitismus ist in weiten Teilen der Linken oft ein Problem. Aber ich bin mir sicher, auch dieses werdet Ihr am Tag der Arbeit anprangern. Denn auch das ist ja alltäglicher Rassismus.

Auch wollt Ihr Euch dem staatlichen Rassismus entgegen stellen. Finde ich gut. Auch in Deutschland gibt es ihn durchaus, wie uns ja auch immer wieder beispielsweise einige hessische Polizisten zeigen. Und man kann da noch wesentlich mehr Punkte aufführen. Keine Frage, auch dieses ist ein ehrenwertes Engagement welches ich voll und ganz unterstreiche. Was ich als Schreiberling wirklich scheiße dabei finde sind Eure ständigen Verallgemeinerungen. Die Polizei, die Bundeswehr, der Staat und so weiter. Ich zumindest kenne mit meinen bald 52 Jahren keine rassistische Polizei, keine rassistische Bundeswehr, keinen rassistischen Staat. Das alles haben wir nach und nach nach 1945 hinter uns gelassen. Einzelfälle ja, mehr aber auch nicht.

Warum rege ich mich nun so auf? Dieser Staat, den ich in seinen demokratischen und sozialen Grundsätzen mag (womit ich nicht sage, dass wir nicht nachbessern müssen), dieser Staat sorgt dafür, dass ich mich seit über 30 Jahren frei und unabhängig gegen Rechts stellen kann. Dieser Staat sorgt dafür, dass Ihr Euch jederzeit das Recht einfach nehmen könnt und Eure Meinung kundtun könnt. Dieser Staat sorgt für unsere Meinungsfreiheit!

Dieser Staat hat seit vielen Jahren auch für die Kundgebungen zum 1. Mai ein festes Fundament der Meinungs- und Redefreiheit garantiert. Und nun haben wir in Deutschland, Europa und weltweit eine Pandemie-Situation, die sich keiner von uns ausgesucht hat. Auch nicht dieser Staat. Ich glaube kaum das Deutschland ganz laut “Hier” geschrien hat, als es um die Pandemie ging. Aber in Deutschland, wie auch in anderen Ländern, hat man sich der Gefahr und der Verantwortung gestellt. Und ich denke, mal vorsichtig gesagt, haben wir es auch irgendwie ganz gut im Griff. Und mit “Wir” meine ich nicht den Staat, sondern unsere Gemeinschaft in diesem Land.

Und vielleicht habt Ihr es ja mitbekommen, hat das “Wir” in Zeiten der Pandemie verschiedene Ängste. Und wo einige wenige nach Lockerungen rufen, sagen viele, nein, dass wollen wir noch nicht. Wir fühlen uns noch nicht sicher genug. Okay, Du hast dann auch immer wieder echte Dumpfbacken unter dem “Wir”, aber die sind wir bislang eher von der Seite der Rechten gewöhnt. Siehe zuletzt auch diese völlig blödsinnige Pegida-Demo zu Adolfs Geburtstag in Dresden. Ja, ich weiß, soll man so nicht sagen, ging ja nur um die guten Grundsätze in Dresden. Shit happens!

Und nun kommt da die radikale Linke in Berlin, nämlich Ihr, und will den gleichen Budenzauber veranstalten wie AfD und Pegida. Hhm, merkt Ihr vielleicht bereits hier, was das nicht stimmt? Okay, wir können es auch anders sagen: Ihr als radikale Linke in Berlin wollt nun gegen eine gewisse demokratische Grundstimmung vom “Wir” unbedingt beweisen, dass man doch auch in Zeiten von Corona unbedingt gegen Rassismus einstehen muss. Richtig?

Ich sage Euch: Falsch? Was Ihr wollt, dass ist der gleiche blödsinnige, angeblich ja so linke, Budenzauber wie jedes Jahr zum 1. Mai in Berlin. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auf die Gesundheit. Ihr wollt in Wirklichkeit nicht linke Grundwerte vertreten, Ihr wollt Euren Spaß. Ihr werdet am 1. Mai nicht nur die “Grundwerte des Wir’s” verraten, ihr verratet auch linke Grundwerte.

Warum feiert Ihr nicht gleich gemeinsam mit Pegida, AfD und Konsorten. Denn was Ihr am 1. Mai verachten wollt, den Rassismus, den betreibt Ihr mit Eurem Verhalten am Tag der Arbeit selbst! Das ist nicht meine linke Politik, die ich wirklich schätze, dass ist nur noch boshaftes Aufbegehren gegen einen Staat, durch den Ihr erst aufbegehren könnt. Und deswegen seit Ihr am Ende nicht nur linke Extremisten, sondern auch linke Rassisten. Herzlichen Glühstrumpf, das wäre Euer Preis gewesen.

Am 1. Mai könnt Ihr Euch ganz groß auf die Fahne schreiben, dass Ihr auch ein großes Stück linke Politik verraten habt. Anschließend noch der Bruderkuss mit der AfD und schon haben wir wieder den perfekten Sozialismus…, sorry, Nationalsozialismus!

Vielen Dank für gar nichts und mit keinen Soli-Grüßen mehr, Euer Frank Schurgast, der wirklich einmal glaubte, linke Politik könnte man nicht Ad absurdum führen. Ihr habt mich eines besseren belehrt.

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