Tilo Frey, FDP-Nationalraetin, aufgenommen im Dezember 1973 am Rednerpult im Bundeshaus in Bern. (KEYSTONE/Str)

Rassismus: Wenn ein Platz nicht mehr heißen darf wie er heißt

In Neuenburg (Schweiz) ist der nach dem Naturforscher und Rassentheoretiker bezeichnete Platz «Espace Louis-Agassiz» umbenannt worden. Er heisst jetzt «Espace Tilo Frey». Die FDP-Politikerin war 1971 eine der ersten elf Nationalrätinnen der Schweiz.

Der im September 2018 verkündete Beschluss des Stadtrats, den Namen des Platzes vor der Philosophischen Fakultät der Universität Neuenburg zu ändern, hatte zu einer Polemik geführt. “Wir können nicht sagen, dass dies unbemerkt geblieben ist”, sagte Stadtpräsident Thomas Facchinetti am Donnerstag bei der Einweihung der Platzes vor rund 100 Menschen, von denen viele afrikanischer Herkunft waren.

“Der Stadtrat will sich nicht als Richter aufspielen. Aber wir können einem Wissenschaftler, über den wir heute wissen, dass er im 19. Jahrhundert rassistische Theorien förderte, keinen öffentlichen Raum mehr widmen”, sagte Facchinetti.

Die Namensänderung ist auch ein Erfolg für das Komitee “Démonter Louis Agassiz” um den St. Galler Historiker Hans Fässler, das jahrelang für die Umbenennung gekämpft hatte. Es bezeichnet den Wissenschaftler Louis Agassiz als “bedeutendsten und einflussreichsten Rassisten des 19. Jahrhunderts und als einen wichtigen Vordenker der Apartheid”.

Der 1807 in Môtier FR geborene Agassiz galt in den USA, wo er einen Grossteil seines Lebens verbrachte, und der Schweiz lange als renommierter Wissenschaftler. Geehrt wurde wegen seine Eiszeitstudien sowie seiner Arbeit als Fischforscher und Hochschullehrer.

Rangfolge unter Rassen

Doch der gefeierte Wissenschaftler tat sich auch als Rassist hervor. Agassiz war überzeugt davon, dass es eine “wissenschaftliche Rangfolge der Rassen” gebe und dunkelhäutige Menschen minderwertig seien.

In der Schweiz gibt es zahlreiche Strassen- oder Flurnamen, die an den berühmten und umstrittenen Mann erinnern. Der Versuch des Komitees, das 3946 Meter hohe Agassizhorn im Berner Oberland umzubenennen, ist am Widerstand zahlreicher Akteure gescheitert.

2007 verurteilte der Bundesrat in einer Antwort auf eine Interpellation das “rassistische Denken” des Zoologen und Glaziologen, sah aber keinen Grund, den nach ihm benannten Berg umzutaufen. In Lausanne wies der Stadtrat erst Anfang Mai eine links-grüne Interpellation zurück, die eine Namensänderung der Avenue Louis Agassiz verlangte.

Grosse Wertschätzung geniesst der Forscher besonders in den USA und Kanada, wo mindestens 70 Orte und Schulen seinen Namen tragen.

Bild: Le Courrier

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