Spucken, pöbeln, prügeln: Das Leben der Homosexuellen in Zürich

Händchen halten kann für homosexuelle Paare gefährlich sein – selbst in Zürich. Das zeigen mehrere Attacken in den letzten Wochen. Homophobie werde wieder salonfähig, beobachten Politiker.

Es ist Samstag, kurz vor Mitternacht. Micha Finkelstein spaziert von der Zurich Pride nach Hause – zusammen mit seinem Mann und einer Freundin. Sie sind schon fast an ihrer Wohnungstür angelangt, als sie in der Nähe des Locherguts plötzlich von hinten angepöbelt werden. «Seid ihr schwul?», ruft ein schwarz gekleideter Mann. «Schwuchteln», brüllt ein anderer. Finkelstein versucht, so schnell wie möglich in die Wohnung zu gelangen. Doch dann trifft ihn die Faust des Angreifers. Auch sein Partner geht zu Boden.

Finkelstein dreht sich zu den Angreifern um, beginnt zu schreien. Er sieht drei junge Männer, einer von ihnen hat einen Stock in der Hand. Die Täter wollen die beiden nochmals attackieren, doch die Frau geht dazwischen. Erst dann machen die Männer kehrt und rennen davon. Finkelstein vermutet, dass die drei sie zuvor schon länger beobachtet hatten. «Sie sind uns gefolgt und haben uns erst dann attackiert, als ausser uns keine Menschen mehr auf der Strasse waren.»

Mehrere Attacken nach der Zurich Pride

Der Angriff auf das homosexuelle Paar ist längst kein Einzelfall. Allerdings fehlen in der Schweiz verlässliche Zahlen zu Übergriffen wegen der sexuellen Orientierung einer Person. Die Dachverbände der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen (LGBT) haben deshalb 2018 in einem Bericht selbst Zahlen über Vorfälle zusammengetragen. Diese haben sie über eine Helpline gesammelt, bei der Opfer von homophober Gewalt anrufen können. Demnach wurden innerhalb eines Jahres insgesamt 95 Übergriffe gemeldet – fast zwei pro Woche also. Die Spannbreite ist dabei sehr gross. Sie reicht von Beleidigungen und Spuckattacken über Anrempeln bis hin zu schweren körperlichen Angriffen, nach welchen die Opfer im Spital landeten.

Auch an der Zurich Pride, an welcher am Samstag rund 55 000 Menschen für die Gleichstellung von Homosexuellen demonstrierten, blieb es nicht bei der Attacke auf Finkelstein und seinen Partner. Es kam zu mehreren homophoben Vorfällen. Der Schwulenorganisation Pink Cross sind drei weitere Übergriffe bekannt, wie es auf Anfrage heisst. Bei zweien handelt es sich um körperliche Angriffe von jungen Männern, beim dritten um Beleidigung und Androhung von Gewalt.

Die meisten Übergriffe auf Schwule, Lesben und Transmenschen bleiben aber im Dunkeln, weil die Betroffenen auf eine Anzeige verzichten. Laut dem Bericht der LGBT-Verbände wurde dabei häufig fehlendes Vertrauen in die Polizei als Grund genannt – aber auch Unwissen darüber, dass eine solche Tat strafrechtlich relevant ist.

Eine der Ausnahmen bildet ein Vorfall von Ende Mai: Damals attackierten vier junge Männer einen Aktionsstand von LGBT-Aktivisten und pöbelten die Betreiber an. Sie warfen Flyer und Essen zu Boden, kippten den Tisch um und stahlen eine Regenbogen-Flagge.

Ein Passant filmte das Geschehen mit seinem Smartphone. Zu sehen sind vier Männer in Trainerhosen und Kapuzenjacken. Sie stapfen durch das hohe Gras zwischen Badenerstrasse und Trottoir und behändigen Utensilien der Standaktion. Während drei unter dem Protest der Aktivistinnen und Aktivisten kehrt machen, geht der Vierte um die Gruppe herum und stösst von hinten den Tisch um.

«Sie beschimpfen uns als ‹Sauschwuchteln›»

Für Micha Finkelstein sitzt der Schock nach dem Angriff auf ihn und seinen Mann tief. Die Polizei habe sehr nett und unterstützend agiert, sagt er. «Sie haben uns empfohlen, Anzeige zu erstatten und beim Arzt einen Bericht zu den Verletzungen zu machen.» Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, bestätigt auf Anfrage den Eingang der Anzeige. Die Abklärungen zu dem Fall liefen derzeit, Verhaftungen habe es bisher aber keine gegeben. Bei der Attacke auf den LGBT-Aktionsstand Ende Mai gibt es laut Cortesi neue Erkenntnisse, die nun in die Untersuchung einfliessen würden. Mehr könne er dazu aber noch nicht sagen.

Der Vorfall an der Zurich Pride löste weitherum Empörung aus. Auch die homosexuelle Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (sp.) zeigte sich auf Facebook bestürzt und empört über die Attacke. «Solche Angriffe auf unser vielfältiges und friedliches Zusammenleben sind absolut inakzeptabel. Sie zeigen: Wir sind mit der Gleichstellung noch nicht am Ziel.» Die Gesellschaft sei gefordert, mit aller Kraft gegen Homo- und Transphobie einzustehen.

Bild: Photobus

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