So. Jan 26th, 2020

Colorful Germany

Für ein buntes Deutschland

Stumme Migranten, laute Politik, gespaltene Medien

Ganderkesee (fs) – Knapp fünf Jahre nach dem Beginn der “Flüchtlingskrise” 2015 spaltet der Streit über den Umgang mit Migranten und Flüchtlingen nach wie vor die Europäische Union. Auch die Rolle der Medien wird weiterhin thematisiert und häufig kritisiert: Haben sie die gesellschaftliche Wirklichkeit adäquat wiedergegeben, sind sie ihren Informationspflichten nachgekommen? Wurden LeserInnen in Deutschland anders informiert als in Ungarn? Gibt es relevante Unterschiede in der Berichterstattung zwischen Ländern in Europa und den USA? Welche Rolle spielen Migration und Flucht in Russlands Medien?

Diesen und weiteren Fragen geht die Studie “Stumme Migranten, laute Politik, gespaltene Medien” nach, die jetzt von der Otto Brenner Stiftung veröffentlicht wurde. Die Studienautoren Prof. Dr. Susanne Fengler und Marcus Kreutler vom renommierten Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus der TU Dortmund vergleichen darin – unterstützt von einem internationalen Forschungskonsortium – erstmals die Berichterstattung in 16 europäischen Ländern und den USA zu den Themen Flucht und Migration.

Das zentrale Ergebnis der Untersuchung, die Berichte zwischen August 2015 und März 2018 auswertete: Die eine Migrationsberichterstattung gibt es nicht, stattdessen prägen markante inhaltliche Unterschiede die Medienlandschaft Europas. “Aufgrund unserer Ergebnisse können wir von einer doppelten Differenzierung sprechen”, so Studienautorin Susanne Fengler. Die Studie zeige einerseits, dass deutliche Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa bestehen, wobei im Osten insgesamt kritischer über Einwanderung berichtet werde. Andererseits markiere aber auch die politische Ausrichtung der Medien relevante Unterschiede: Linke und liberale Medien thematisieren die Situation von Migranten deutlich häufiger als rechte und konservative Zeitungen und Online-Nachrichtenportale. “Vor allem der zweite Punkt zeigt, dass stereotype Annahmen über Debatten in anderen Ländern fehl am Platz sind”, so Studienautor Marcus Kreutler weiter, “denn auch in Ländern wie Ungarn und Polen und erst recht in Deutschland bekommen Leser somit je nach Wahl des Mediums ein unterschiedliches Themen- und Meinungsspektrum rund um Flucht, Migration und Asyl geboten.”

Allerdings sticht die Berichterstattung in Deutschland in mehreren Punkten heraus. In keinem anderen Land – außer Ungarn – wird so viel über Migration berichtet. Zudem spielen sich für Deutschland Migration und Flucht hauptsächlich im eigenen bzw. ins eigene Land ab. Im Gegensatz dazu sind dies in den meisten anderen EU-Staaten Auslandsthemen: Es geht um Ereignisse fernab von zu Hause, jenseits der eigenen Grenzen. “Dass Migration und Flucht meist als Themen der `Anderen´ und nicht als Sache des eigenen Landes dargestellt werden, kann ein Grund sein, weshalb eine Lösung der Asyl- und Einwanderungsfragen auf europäischer Ebene nicht vorankommt”, so Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung.

Kritisch sieht Legrand auch, dass die Hauptbetroffenen der Migrationsberichterstattung, Migranten und Geflüchtete selbst, meist lediglich eine “Statistenrolle” innehaben. Nur in einem Viertel der Berichte sind sie die zentralen Akteure und dann hauptsächlich als große und anonyme Gruppe. Als Individuen (oder Familien) erkennbar sind die Migranten und Flüchtlinge in nur 8 Prozent der Berichte. “Wie viele andere Studien stellen auch wir einen starken Fokus auf Regierungen als Hauptakteure in der Berichterstattung fest”, merkt Legrand an und fährt fort: “Es ist fraglich, inwiefern die Medien so den berufsethischen Anspruch, eine `Stimme für die Stimmlosen´ zu sein, erfüllen können.” Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch, dass nur eine geringe Zahl von Betroffenen in den Artikeln direkt oder indirekt zitiert wird, ergänzt Prof. Fengler. Eine bemerkenswerte Ausnahme macht die Studie jedoch in den amerikanischen Medien aus, in denen weit mehr Migranten und Flüchtlinge dargestellt und auch zitiert werden.

In der Gesamtschau ziehen Autoren und Stiftung ein eher skeptisches Fazit: Medien in Europa, heißt es im Vorwort der Studie, “müssen noch viele Unterschiede abbauen, um zu europäischen Medien zu werden.” Dabei verweisen sie auch auf Erkenntnisse der Politik- und Europawissenschaft: Ein demokratisches Gemeinwesen wird auf Dauer nicht ohne eine gemeinsame Öffentlichkeit bestehen können.

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