25. Mai 2020

Colorful Germany

Für ein buntes Deutschland

Widerständen auf der Spur: 30 Jahre queere Repräsentation im Kino

Hamburg/Ganderkesee (fs) – Vom 15. bis 20. Oktober feierten die Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg ihr 30. Jubiläum mit über 70 Filmprogrammen aus aller Welt, die die 15.000 erwarteten Besucher*innen berühren, zum Lachen und zum Weinen gebracht haben. Beteiligte Spielstätten sind Kampnagel, Metropolis Kino, Passage, 3001 Kino, B-Movie sowie Rote Flora.

Die Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg sind mit 15.000 Besucherinnen das größte und älteste queere Filmfestival Deutschlands. Als wichtiger öffentlicher Ausdruck der LSBTIQ Community in der Hansestadt erhöhen sie die Sichtbarkeit von homo- und bisexuellen Lebensweisen, trans Identitäten und Intersexualität. Die Filmtage werden vornehmlich durch ein ehrenamtlich organisiertes Kollektiv organisiert. „Queere Vorbilder und Repräsentationen queerer Lebensformen sind auch heutzutage noch wichtig. Und wo könnten diese schöner und inspirierender präsentiert werden als im Kino?”, meinen die Organisator*innen der Filmtage.

Auch in diesem Jahr kümmerte sich wieder ein tolles Orga-Team um den reibungslosen Ablauf des Filmfestivals. / Bild: Querbild e. V.

Groß rausgekommen: Nach CSD und Pride Week sind die Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg das am meisten besuchte queere Event in der Hansestadt.

Wohl keine der Seminarteilnehmerinnen hätten im Winter 1989 damit gerechnet, dass ihr autonomes Streikseminar an der Universität Hamburg den Beginn eines der größten queeren Filmfestivals in Europa markieren würde. Untersucht hatten die Studierenden damals, wie Homosexualität im Film dargestellt wird. Das Ergebnis der Analyse war so einseitig wie deprimierend: Sämtliche queere Protagonistinnen waren unglücklich, endeten als Ermordete oder wurden selbst zu Verbrecher*innen. Aus Protest drehten die Studierenden kurzerhand selbst einen Film, der im Metropolis Kino uraufgeführt wurde, die Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg waren geboren: Eines der ersten Projekte, in denen Schwule und Lesben von Anfang an zusammenarbeiteten.

Ausschnitt aus dem Film “Uferfrauen”. / Bild: Sunday Filmproduktion

Seitdem sind 30 Jahre vergangen, die öffentliche Auseinandersetzung mit sexueller und identitärer Vielfalt hat zugenommen und auch die Anzahl queerer Themen im Film hat sich deutlich erhöht. Auch die Lesbisch Schwulen Filmtage haben sich weiterentwickelt, vielen LGBTIQ*-Perspektiven Raum gegeben und mit 15.000 Besuchenden eine wichtige Veranstaltung in der Hamburger Kultur etabliert. Unverändert geblieben ist jedoch die ehrenamtliche Arbeitsweise des kollektiven Organisationsteams ohne Festivalleitung – für ein Festival dieser Größenordnung ungewöhnlich. Nicht von ungefähr nehmen die Lesbisch Schwulen Filmtage eine Vorbildfunktion für neu gegründete queere Filmfestivals, auch über Deutschland hinaus ein, die sich ebenfalls ehrenamtlich organisieren. Mit dem Max-Brauer-Preis der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. wurden die Filmtage im vergangenen Jahr für ihr langjähriges, kulturelles Engagement in der Stadt Hamburg ausgezeichnet.

Politisch wie selten: Filme aus Brasilien im Fokus

Die Lesbisch Schwulen Filmtage haben sich schon immer als politisches Filmfestival verstanden, das neben dem Kinobesuch vor allem Raum zum Austausch bietet. „Auch wenn queere Menschen sich tagtäglich noch immer mit Ausgrenzung und Diskriminierung auseinandersetzen müssen, wissen wir doch um unsere privilegierte Lage hier, besonders, wenn wir während der Filmtage Gelegenheit haben, mit Filmgästen aus Kenia, der Ukraine und Brasilien bspw. zu sprechen. In diesen und vielen anderen Ländern werden queere Menschen verhaftet, gefoltert und mitunter umgebracht“, meint Aileen Pinkert aus dem Team der Filmtage. „Es ist uns wichtig, dass wir uns mit ihnen solidarisieren und mithilfe des Mediums Film auf ihre Situation aufmerksam machen.“

Filmszene aus dem Dokumentarfilm “Espera tua (re)volta” von Eliza Capais. / Bild: Querbild e. V.

Mit fünf Langfilmen ist Brasilien in diesem Jahr besonders stark vertreten. In Eliza Capais Dokumentarfilm „Espera tua (re)volta“ (20.10., 17:30 Uhr, Passage) stehen Jugendliche im Mittelpunkt, die mit Schulbesetzungen für ihr Recht auf Bildung kämpfen. Der Rückblick auf vergangene Protestbewegungen zeichnet zugleich den Weg zu den Repressionen der Gegenwart nach. Im Angesicht des neuen rechtsextremen, frauenfeindlichen Präsidenten Bolsonaro, der LGBTIQ* als minderwertig herabstuft, wird die Dringlichkeit von Widerstand und Protest leidenschaftlich spürbar. „Es ist unbedingt notwendig, sich zusammenzuschließen und gemeinsam zu kämpfen, denn überall auf der Welt sind Rechtstendenzen in Regierungen erkennbar“, fasst Sebastian Beyer aus dem Organisationsteam das dringlichste Thema der 30. Filmtage zusammen. „Wir finden es wichtig, gerade mit Schüler*innen queere Filme zu sehen und zu diskutieren, da diese Filme sonst nur selten zugänglich sind.“ Deswegen veranstalten die Filmtage gemeinsam mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung erstmals vier Vorstellungen, darunter u. a. „Espera tua (re)volta“, für Schulklassen ab Jahrgangsstufe 9 nach den Herbstferien am 22. und 23. Oktober.

Whistleblower, männliche Mutterschaft und Fußballverbot: Ein Potpourri an Widerständen

Der Chaos Computer Club präsentiert im Rahmen der 30. Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg die Dokumentation „XY Chelsea“ (18.10., 17:15 Uhr, Passage) über die transidente Chelsea Manning, die ihre Transition in einem Männergefängnis durchleben musste, weil sie der Whistleblower-Plattform Wikileaks US-Kriegsverbrechen aus dem Irakkrieg zuspielte. Erst Barack Obama hat sie nach sieben Jahren Haft begnadigt. Bis heute weigert sich Manning gegen Julian Assange auszusagen, dafür wird sie immer wieder in Beugehaft genommen. Selten waren in einem Film Weltpolitik und individuelle Geschichte so dramatisch miteinander verzahnt. Freddy McConnell hat Schlagzeilen mit der Geburt seines Kindes gemacht. Erst Ende September hat der High Court of Justice in London geurteilt, der transidente Mann sei die Mutter und nicht der Vater seines Kindes. Freddys Schwangerschaft wird eindringlich in „Seahorse“ (17.10., 19:45 Uhr, Passage) begleitet. Bisher noch immer unterrepräsentiert sind Geschichten intersexueller Menschen. Floriane Devignes schweizerisch-französische Filmproduktion „Ni d’eve, ni d’adam. Une histoire intersexe“ (16.10., 17:30 Uhr, Passage) ist ein starkes Plädoyer dafür, Babys und Kinder nicht zu operieren, um sie stereotypen binären Geschlechtsvorstellungen anzugleichen. Frauen dürfen im Sudan keinen Fußball spielen und keine Filme drehen. Unser Hit in der Mitte „Khartoum Offside“ (17.10., 21:15 Uhr, Passage) beweist das Gegenteil: Trotz größter Widerstände trainieren die Protagonist*innen in Marwa Zeins Dokumentation unbeirrt, um einmal als Team bei der Frauenfußball-WM anzutreten.

Gesellschaftliche Ausschlussmechanismen reflektieren

Floriane Devignes schweizerisch-französische Filmproduktion “Ni d’eve, ni d’adam. Une histoire intersexe”. / Bild: Adana Films

Das weiße Organisationsteam der Filmtage hat sich auch innerhalb der eigenen Strukturen mit Rassismus und Ausschlussmechanismen beschäftigt. „Wir überlegen, was wir dagegen tun können. Aus diesen Überlegungen sind in diesem Jahr gemeinsam mit der Gruppe Queer People of Color Hamburg mehrere Programmpunkte entstanden“, merkt Hanne Homrighausen aus dem Filmtageteam an, darunter das Kurzfilmprogramm „Queer Muslim S. E. Asian Shorts“ mit anschließender Paneldiskussion (19.10., 17:30 Uhr, Metropolis) zur ambivalenten Situation queerer Muslim*innen, stetig zwischen Sicherheit und Sichtbarkeit abwägen zu müssen.

QueerScope-Preisverleihung erstmals in Hamburg

Tina stellt sich im Abschlussfilm der 30. Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg „The Garden left behind“ (Europapremiere: 20.10., 20:30 Uhr, Metropolis Kino) gleich mehreren Herausforderungen: Trotz fehlender Aufenthaltserlaubnis und nur wenigen finanziellen Mitteln beginnt sie ihre Transition. Das Leben einer mexikanischen transidenten Frau in den USA porträtiert der Spielfilm von Flavio Alves erschreckend zeitgemäß. Alle trans Rollen sind mit trans Schauspielerinnen besetzt, die Hauptdarstellerin Carlie Guevara nimmt den QueerScope-Preis für den besten internationalen Debütfilm persönlich in Hamburg entgegen. Zum vierten Mal wird dieser mit 5000 Euro dotierte Filmpreis von 16 deutschen queeren Filmfestivals verliehen, passend zum 30. Jubiläum das erste Mal in Hamburg.

Schwedens Oscarkandidat eröffnet die 30. Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg

Als Irakli der Tanzakademie in Tiflis beitritt und mit Merab um den einzigen Platz im georgischen Nationalensemble konkurriert, kommen sich die beiden auch abseits der Tanzproben näher. Beim maskulinen georgischen Nationaltanz wird das Begehren der beiden Männer ganz unmittelbar deutlich – in einer bisher so noch nicht gesehenen Darstellung. Ein kraftvoller Film, der viel über die Sehnsucht der jungen Generation Georgiens erzählt, die aus den verkrusteten postsowjetischen Strukturen ausbrechen will. Aufgrund von Massenprotesten in Tiflis musste im Juni die erste CSD-Demonstration der Stadt abgesagt werden. Levan Akins Film wurde durch das Produktionsland Schweden für das Oscar-Rennen als bester internationaler Film eingereicht.

Titelbild: Missing Films

AfD

Antisemitismus

CDU/CSU/JU

Gegen Rechte und Nazis

Homophobie

Migration

NPD

Rassismus

Rechtsextremismus

Diese Seite benutzt Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu. Datenschutzerklärung

Creative Commons License
Except where otherwise noted, Frank Schurgast, www.colorful-germany.de, Colorful Germany by Frank Schurgast, Colorful Germany is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International License.
Bitte als Quelle IMMER angeben: Frank Schurgast, www.colorful-germany.de, Colorful Germany
%d Bloggern gefällt das: