Wie die AfD mit Antigenderismus in die gesellschaftliche Mitte wirken will

“Inwieweit plant die Bundesregierung Förderprogramme, die sich wissenschaftlich mit der immer weiter um sich greifenden Männerdiskriminierung beschäftigen?” So steht es in Punkt 10 einer Kleinen Anfrage, die die AfD-Bundestagsfraktion Mitte März gestellt hat. Die rechtspopulistische Partei gibt sich darin besorgt über die »Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft durch Misandrie«. Die Ursache der von ihr behaupteten Männerfeindlichkeit ist für sie leicht festzumachen: Ein »radikaler Feminismus« treibe die »Entfremdung zwischen den Geschlechtern« voran.

Antifeminismus und Antigenderismus sind in den letzten Jahren zu einem zentralen Thema rechter Bewegungen geworden. Die dahinter stehenden Feindbilder und Argumentationslinien reichen aber weit hinein bis in die Mitte der Gesellschaft. Das Polemisieren gegen die »Gender-Ideologie« findet regelmäßig publizistische Unterstützung auch in den Leitmedien. So gefällt sich etwa der Zeit-Kolumnist Harald Martenstein (»Schlecht, schlechter, Geschlecht«) in der Rolle des lässigen und arroganten Besserwissers, in ironisch geschriebenen Texten bemüht er gerne Randaspekte wie »Transgendertoiletten« oder die Anrede »Professx«. Dauergast der Talkshows ist seit Jahren das CDU-Mitglied Birgit Kelle. Die christliche Fundamentalistin vermarktet dort ihre Kampfschrift »Gender-Gaga« – ideologisch passt sie, wie ihr SPD-Pendant Thilo Sarazin, eigentlich besser in die AfD.

Das kompliziert und schwer erklärbar anmutende G-Wort war schon immer leicht angreifbar. Es eignet sich bestens für massenwirksame Polemik. Vermischt werden dabei meist Themenfelder, die relativ wenig miteinander zu tun haben: die von der Europäischen Union angestoßene gleichstellungspolitische Strategie des »Gender Mainstreaming«, universitäre Fächer wie »Gender Studies«, die Geschlechterverhältnissen im Querschnitt durch verschiedenste Disziplinen und Wissenschaften verfolgen – sowie die Neufassung schulischer Lehrpläne, die das Thema sexuelle Orientierung stärker berücksichtigen sollen.

Schon vor fünf Jahren geriet deshalb die Soziologin Elisabeth Tuider von der Universität Kassel in einen Shitstorm. Netzkommentare hetzten gegen sie persönlich, einzelne Posts drohten gar mit Vergewaltigung und Mord. Der Anlass: Tuider ist Mitverfasserin eines sozialpädagogischen Buches zur Arbeit mit Jugendlichen, das didaktische Methoden zur Diskussion von sexueller Vielfalt vorstellt. Über manche, damals in Zeitungsberichten genüsslich zitierte Textpassagen (»Ist es möglich, dass deine Heterosexualität nur eine Phase ist und dass du diese Phase überwinden wirst?«) lässt sich vielleicht auch streiten. Es ging in dieser Polemikwelle aber weniger um eine fachliche Kontroverse als um einen Generalangriff auf die Geschlechterforschung. Diese werde von Männerhasserinnen betrieben, halte wissenschaftliche Standards nicht ein und gehöre daher gänzlich abgeschafft: So lautete die Kernforderung, die die AfD seither auch in den Parlamenten aufgreift.

In Stadt- und Gemeinderäten, auf Landes- wie Bundesebene stellen deren Abgeordnete immer häufiger Anträge zu dem, was sie unter Genderfragen verstehen. Die besonders umstrittene und daher publikumstaugliche Kritik an der geschlechtergerechten Sprache ist dabei meist nur Nebensache. Vor allem zielen die Rechtspopulisten darauf, die wissenschaftliche Bearbeitung von Themen wie Antifeminismus und Antigenderismus finanziell auszutrocknen.

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