“Beobachter Prix Courage” 2019 geht an Iluska Grass aus Zürich: Jude vor Neonazis beschützt

Zürich/Ganderkesee (fs) – Iluska Grass (Titelbild) aus Zürich wurde mit dem «Beobachter Prix Courage» 2019 ausgezeichnet. Sie beschützte einen orthodoxen Juden vor Neonazis. Die Skins hatten den Mann verfolgt, bespuckt und mit Hitler-Parolen verhöhnt.

Der Haupttäter, ein mehrfach vorbestrafter Neonazi, kam massgeblich dank der 28-Jährigen vor Gericht und wurde wegen Rassendiskriminierung und Tätlichkeiten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Das Obergericht bestätigte im Februar 2019 das Urteil weitgehend.

Der mit 15’000 Franken dotierte Preis wurde ihr am Freitagabend in Zürich in feierlichem Rahmen von der ehemaligen Aargauer Regierungsrätin und Jury-Präsidentin Susanne Hochuli überreicht. Zum dritten Mal wurde dieses Jahr auch der mit 10’000 Franken dotierte «Beobachter Prix Courage Lifetime Award» verliehen: Die Beobachter-Redaktion zeichnet damit die Strafverfolgerin und Diplomatin Carla Del Ponte für ihren lebenslangen Kampf gegen Mafiafürsten und gegen Kriegsverbrecher aus.

Das ist wahre Zivilcourage

An einem Samstagabend steigt Iluska Grass am Zürcher Manesseplatz aus dem Bus. Sie hört Schreie, rennt los und stellt sich zwischen angetrunkene Rechtsradikale und einen am Boden liegenden orthodoxen Juden. Die Skins hatten den Mann verfolgt, bespuckt und mit Naziparolen verhöhnt. «Ich habe nicht gross überlegt, sondern einfach gehandelt», sagt Iluska Grass. So hat sie Schlimmeres verhindert.

Der Haupttäter war ein mehrfach vorbestrafter Neonazi. Aufgrund von Iluska Grass’ Aussagen wurde er wegen Rassendiskriminierung und Tätlichkeiten zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er ficht das Urteil jedoch an. Ende Februar 2019, fast vier Jahre nach der Tat, spricht ihn auch das Zürcher Obergericht schuldig. Seine Haftstrafe wird auf zwölf Monate reduziert, er muss dem Opfer 3’000 Franken Genugtuung zahlen. «Ein viel zu mildes Urteil», findet Iluska Grass. «Antisemitismus und Rassismus sind nicht tolerierbar.»

Die Wahl

Die Wahl des «Beobachter Prix Courage» erfolgte durch das Publikum via Online-Voting und durch die siebenköpfige Jury. Die Stimmen des Publikums und jene der Jury werden zu je 50 Prozent gewichtet. Die Jury tagte am 23. Oktober. Sie vergibt ihre Punkte ohne Wissen des Publikumsvotings. Nach dem Voting der Jury und jenem der Leserschaft stand Iluska Grass als Gewinnerin fest.

Die Laudatio

Die ehemalige Aargauer Regierungsrätin und Jury-Präsidentin Susanne Hochuli würdigte die Gewinnerin in ihrer Laudatio:

Iluska Grass steht exemplarisch für gelebte Zivilcourage. Sie hat unmittelbaren Mut gezeigt, also spontan gehandelt. Doch damit nicht genug: Sie hat ihren Mut behalten und reflektiert, sich der Konsequenzen bewusst, in einem Gerichtsverfahren ausgesagt. Als Einzige! Die anderen Beteiligten schwiegen lieber. Eine Welt ohne Grenzen, Menschlichkeit, keine Ausgrenzung, Respekt und Wertschätzung – und vor allem Mut! Dafür steht die Prix-Courage-Preisträgerin 2019.

«Beobachter Prix Courage Lifetime Award» für Carla Del Ponte

Carla Del Ponte / Bild: BAZ

Der mit 10’000 Franken dotierte «Beobachter Prix Courage Lifetime Award» wurde dieses Jahr Carla Del Ponte verliehen. Die Schweizer Strafverfolgerin und Diplomatin hat ihr Leben lang dafür gekämpft, dass Untaten nicht ungesühnt bleiben. Andres Büchi, Chefredakteur Beobachter, während seiner Laudatio:

Sich dieser Aufgabe ganz zu verschreiben, sein ganzes Leben dafür einzusetzen, erfordert eine Bestimmung und eine Opferbereitschaft, die nur ganz wenige Menschen bereit zu geben sind. Carla Del Ponte steht dafür als eine lebende Ikone. Sie verbrachte ihre Zeit in gepanzerten Autos, an Konferenztischen der Uno und in zu oft fruchtlosen Gesprächen mit Diplomaten, die Worten mehr Bedeutung zumessen als Taten. Aber sie liess sich nie unterkriegen. Sie hatte den Mut, ungeschönt die Wahrheit zu sagen, weil sie furchtlos ist gegenüber Mächtigen und deren Einschüchterungsversuchen. Und sie verschloss ihre Augen nicht vor den Gräueln dieser Welt, zu denen Menschen fähig sind. Sie zog daraus vielmehr ihre Motivation, noch energischer für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Aus gesundheitlichen Gründen konnte Carla Del Ponte nicht persönlich an der Preisübergabe teilnehmen. «Der Beobachter wünscht der Preisträgerin auf diesem Weg herzlichst gute Besserung», so Büchi.

Titelbild: Beobachter

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