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Rechts im Alltag - Tiefer verwurzelt als man glaubt


Ronald
(@ronald)
New Member
Beigetreten: Vor 2 Jahren
Beiträge: 1
Themenstarter  

Ein rechter Rand der Gesellschaft ist unbetreitbar und bei einer starlen Zivilgesellschaft auch kein Problem. Mal dünner, mal stärker, je nach gesellschaftlicher (und wirtschaftlicher) Großwetterlage. Schwankend nach dem Bedarf an Sündenböcken bzw. dem Grad an privater Saturiertheit.

Was mir wirklich Sorgen macht, ist die tiefe Verwurzelung des rechten Gedankengutes in der so genannten Mitte der Gesellschaft. Nein, es gibt nicht nur "die Rechten" jenseits des gutsituierten Bürgertums, das rechte Denken ist längst mittendrin angekommen. Mag sein, dass es hierzulande, in Sachsen, ausgeprägter ist als anderswo. Aber man spürt es, wenn man sich klar gegen Rechts positioniert. Die Ablehnung kommt von dort, wo man es oberflächlich gesehen gar nicht erwartet.

Beispiel: Ein neues Buch herausgebracht, einen Gesellschaftsroman über den Rechtsextremismus speziell in den neuen Bundesländern. Hintermänner, weit zurückreichende Ursachen, Wechselspiel mit staatlichen Institutionen. Eine Fiktion, aber aus der Realität hervorgegangen. Dass ich damit nicht zu einer Lesung beim AfD-Kreisverband eingeladen werde, hatte ich insgeheim schon geahnt - sicher wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen! (grins) Doch wie wird ein solches polarisierendes Thema in der Mitte der westsächsischen Gesellschaft aufgenommen? Was sagt die Tagespresse dazu? Oh - erst einmal gar nichts! War fürs örtliche Marketing wohl doch ein Fehler, den Städtenamen "Chemnitz" in den Titel zu nehmen, aber die Geschichte spielt nun einmal dort. Ob es der örtliche Buchladen ins Sortiment aufnimmt? Strinrunzeln antwortet zunächst auf die prinzipielle Frage. Man möchte wissen, worum es geht. Ein Gesellschaftsroman, es geht um den Rechtsextremismus. Oh, nein, da haben wir keine Möglichkeit! Vermutlich kennt man seine Kundschaft in der Kleinstadt.

Der Verlag stellt einige Exemplare zur Verfügung, u.a. für Bibliotheken. Immerhin, die örtliche Einrichtung nimmt das geschenkte Exemplar, möchte aber bis Herbst warten, bis es in den Bestand kommt. Dann ein Anruf in der Bibliothek der einstigen Kreisstadt: Aha, eine Gratisexemplar - worum geht es denn? Gleiche offene Antwort mit dem Vorschlag, zunächst einmal die Pressemitteilungen zuzusenden, damit man sich ein Bild machen... Nein, danke, schnellt es zurück, wir haben zurzeit so viel Stress! Ich habe verstanden.

Wenn ich durch die Orte in unserer Gegend fahre, sehe ich viele Deutschland-Fahnen, auch manche schwarz-rot-weiße Flagge. Auf den Firmenwagen von Unternehmenr, den netten Geschäftsleuten von nebenan, prangt: "Merkel muss weg!" oder "Ostdeutschland", in altdeutscher Schrift. "Klagt nicht - kämpft" fordert ein Baubetrieb. Positionierungen gegen Rechts finde ich keine. Auch im Bekanntenkreis - und ich zählte noch nie Neonazis zu meinen Bekannten oder Freunden! - fällt mir seit längerem ein deutlicher Rechtsruck auf.

Ich fürchte, unsere "Mitte der Gesellschaft" holt ihr Gedankengut längst von rechts. Wirklich linke Szenen gibt es bestenfalls in Großstädten - wie Chemnitz. Gut versteckt. Wer sollte hier zu einer Lesung über die Gefahren des Rechtsextremismus kommen?

Ich komme mir sehr allein vor.


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