Frühstück bei einem Antirassisten

Ein morgendlicher Kommentar von Frank Schurgast

Das Leben besteht ja oft aus vielen Ritualen, die man mehr oder minder für das Wohlfühlen benötigt. So ein kleines Ritual beginnt bei mir bereits kurz nach dem morgendlichen Aufstehen mit dem ersten kleinen Frühstück. Das ist noch so ein Sprich-mich-bloß-nicht-an-Frühstück um 6 Uhr morgens. Viele kennen dieses Problem. Die Tageszeitung, das Tablet und mein Smartphone sind bereits seit dem Vorabend an seinem Platz am Fenster der Küche. Hinzu kommen nun unbedingt noch ein Pott schwarzer Kaffee, eine Scheibe Schwarzbrot und ein ordentliches Stück Schwarzgeräuchertes, welches ich mir eigens alle drei Monate von einem Metzger aus Bayern zusenden lasse. So geht es nun mindestens schon 10 Jahre ins Land, dieses unvermeidbare Frühstückritual.

In der Tageszeitung ein Bericht darüber, dass einige Städte beziehungsweise Verkehrsbetriebe nun auf den Begriff des Schwarzfahrens verzichten wollen. So, so. Das Fahren ohne gültigen Fahrschein soll nun auch als solches bezeichnet werden. Schwarzfahren ist nun also tabu, zumindest als Begrifflichkeit. Dabei zählt nun nicht mehr das damit verbundene unsoziale Verhalten, sondern die Angst vor Rassismus-Vergleichen. Da zählt dann auch nicht mehr, dass der Begriff des Schwarzfahrens historisch gesehen aus dem Jiddischen stammt (Shvarts) und soviel wie arme Fahrer oder Armfahrer bedeutet.

Ich blicke auf mein Sprich-mich-bloß-nicht-an-Frühstück: Schwarzbrot, schwarzer Kaffee und Schwarzgeräuchertes.

Dieser neuerliche Disput in der Rassismus-Frage zeigt nun auch dem optimistischsten Schwarzseher deutlich auf, dass irgendetwas in der gesamten, nach der widerlichen Tötung von George Floyd in den USA, wieder zurecht erstarkten Diskussion zur Thematik von Rassismus und Alltagsrassismus bei uns im Land völlig verkehrt läuft. Teils von staatlicher Seite gerne gesehen, teils aber auch von einer Gott sei Dank starken Anti-Rassismus-Bewegung selbst ausgelöst. Anstatt sich auf wesentliche Fragen des Rassismus in unserem Land zu konzentrieren, stürzte man sich im beinahe schon blinden Fanatismus auf alles, was nur annähernd auf Rassismus deuten könnten. Ein gutes Beispiel ist da eine elenlange Diskussion um die Mohr-Apotheke des Herrn Mohr.

Ja, es ist gut Dinge zu benennen, die wir bislang ohne weitere Deutung hingenommen haben, ohne einmal auch nur ernsthafte Gedanken daran zu verschwenden, wie es in Deutschland lebende Menschen aus anderen Kulturkreisen sehen mögen oder könnten. Doch auch hierbei sollte man seine Sinne beisammen halten und auch nutzen. Die erneute Diskussion über den Negerkuss ist beispielsweise eben nicht unnötig, denn so lange man den Spruch von dessen hört, was doch schon immer so war, so lange muss man auch diese Diskussion unermüdlich führen.

Das genaue Gegenteil zeigt eine andere Diskussion, die im zuletzt geführten Maße eben nicht notwendig gewesen wäre, nutzt man einfach nur mal seine sieben Sinne. Unsere Denkmäler. Zu tausenden über das Land verteilt und in großen Teilen nun mit Schimpf und Schande übersäht. Zumindest diese, die in irgendeiner Form mit der Kolonialzeit zusammenhängen. Ich finde gar nicht zu unrecht. Was hat man sich heißgeredet: Weg, alles muss weg – niederreißen, so schnell es geht. Im Grunde genommen ist es aber in Wirklichkeit so, dass wir mit diesen kolonialzeitlichen Denkmälern hunderte, wenn nicht tausende, Denkorte im ganzen Land hätten. Denkorte, die über das Unrecht aufklären können. Denkorte, die leicht zu schaffen wären. Stattdessen wochenlange Diskussionen.

Außerdem sollte man bedenken, dass alle diese Denkmäler auch zu unserer nationalen Identität gehören. Denn auch negative Ereignisse gehören zu einer Identität. Am Ende würde auch niemand ernsthaft fordern, eine Gedenkstätte wie Bergen-Belsen zu schließen.

Ich blicke auf mein Sprich-mich-bloß-nicht-an-Frühstück: Schwarzbrot, schwarzer Kaffee und Schwarzgeräuchertes.

Sinn und Unsinn in der Diskussion. Diese Liste könnte ich hier nun ins Unendliche führen, was uns gemeinsam eher verwirren würde. Die eigentliche Frage ist doch: Wie können wir so gut wie möglich nicht nur als politische Gesellschaft, sondern vielmehr auch als zivile Gesellschaft, unsere Demokratie und Vielfalt vor rechten und linken Demokratiefeinden schützen und vor allem ausbauen. Fragen nach Anerkennung und Gleichheit auch der Menschen, die zu uns als Flüchtlinge kommen und unsere Hilfe benötigen zu beispielhaft zu beantworten. Die sogenannte Rassismus-Frage kann nur im gesellschaftlichen Einklang gelöst werden. Antidemokratische Kräfte sind zu entkräften und aus den Parlamenten zu entfernen.

Diese Fragen sind konsequent abzuarbeiten. Und wir sollten tunlichst eine kleinkrämerische Diskussion künftig vermeiden. Denn solche Dinge richten einzig und alleine Schäden an. Schäden im Vertrauen der Menschen.

Ich blicke auf mein Sprich-mich-bloß-nicht-an-Frühstück: Schwarzbrot, schwarzer Kaffee und Schwarzgeräuchertes. Mein erstes Frühstück wird mir schmecken. Wie jeden Tag und noch nie ein schwarzes Frühstück gewesen.

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