ARD/NDR MIT GOTT GEGEN HITLER , "Bonhoeffer und der christliche Widerstand", am Montag (04.05.20) um 23:15 Uhr im ERSTEN. Dietrich Bonhoeffer wird von Matthias Koberlin gespielt. Foto: © NDR/Thomas Bresinsky

TV-Tipp: Mit Gott gegen Hitler – Bonhoeffer und der christliche Widerstand

Hamburg/Ganderkesee (fs) – 1. Februar 1933. Seit zwei Tagen hat das Deutsche Reich einen neuen Kanzler: Adolf Hitler. An diesem Abend hält er seine erste Rede im Rundfunk. Kurz zuvor hat ein anderer ebenfalls seinen ersten Rundfunkvortrag gehalten. Er ist evangelischer Pfarrer, erst 27 Jahre alt: Dietrich Bonhoeffer. Mutig kritisiert er das Führerprinzip. Nur wenige Stunden liegen zwischen den Auftritten. Die beiden Männer sind sich wohl dennoch nie begegnet. In den darauffolgenden zwölf Jahren baut der eine seine mörderische Schreckensherrschaft aus, gegen die sich der andere vergeblich stemmt: Dietrich Bonhoeffer wird am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet, kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs.

Auch im deutschen Dominikanerorden regt sich Widerstand. Laurentius Siemer aus Südoldenburg (gespielt von Nikolaus Kühn) ist Provinzial des Ordens. Er glaubt anfangs, dass nationalsozialistische und katholische Ideen gut zusammenpassen. Doch bald wird er kritischer, schließlich kommt er ins Gefängnis. Sein Mitbruder Titus Horten stirbt in der Haft. Der Trauerzug in Vechta aus 6000 Menschen in Gedenken an Titus Horten wird zu einer machtvollen Demonstration gegen das Regime. Kaum jemand hätte das im gleichgeschalteten Deutschland 1936 noch für möglich gehalten. Ingo Helm, Autor und Regisseur zahlreicher historischer Dokumentationen, hat einen Film über Menschen gemacht, die gegen Hitler Mut bewiesen haben. Er erzählt auch die Geschichten unbekannter Heldinnen und Helden: Etwa die Geschichte der Sekretärin Aenne Vogelsberg, die unter Lebensgefahr eine hochverräterische Denkschrift des Paters Odilo Braun abtippt. Szenische Darstellungenwechseln sich mit Interviews und Sachinformationen ab.Welche Rolle spielte der christliche Glaube bei Bonhoeffer, Siemer und den anderen Widerstandskämpfern? Ist ein Attentat gegen Hitler mit ihrer christlichen Ethik vereinbar? Wie lautet ihre
Antwort auf die Frage: „Soll ich schießen?“

75 Jahre nach dem Ende des Krieges und der Ermordung Bonhoeffers wirft der Film (Redaktion: Marc Brasse und AnjaWürzberg, NDR) ein neues Licht auf Fragen von Haltung und Widerstand, die heute neue Aktualität bekommen.

Der Regisseur Ingo Helm: “Die christlichen Kirchen und der NS-Staat”

Am Anfang der Hitler-Diktatur sind etwa 95 Prozent der Bewohner des Deutschen Reiches Christen, davon rund zwei Drittel evangelisch, ein Drittel katholisch. Jüdischen Glaubens sind 0,8 Prozent. Die Kirchen und ihre Pfarrer sind Autoritäten, ihre Stimme wird in den Gemeinden gehört. Nur in den größten Städten bröckelt ihr Einfluss. Die meisten Chancen hat die NSDAP in den evangelischen Gebieten. Dort hat Hitler schon vor 1933 die ersten Wahlerfolge. Jahrelang wählt sogar Pastor Martin Niemöller die Nazi-Partei, derselbe, der später im Widerstand eine wichtige Rolle spielen und als „persönlicher Gefangener des Führers“ acht Jahre in Haft verbringen wird. Solange es noch halbwegs freieWahlen gab, galt die Faustregel: in überwiegend protestantischen Gebieten erzielen die Nazis etwa doppelt so hohe Stimmanteile wie in katholischen Gebieten.

Hitlers Plan,um sich die Kirchen gefügig zu machen, sieht etwa so aus: Die evangelische Kirche rollt er von unten auf. Er fördert eine nazifreundliche Bewegung in den Gemeinden, die „Deutschen Christen“. Dann lässt er im ganzen Reich schon 1933 Kirchenwahlen abhalten. Erwartungsgemäß sind die „Deutschen Christen“ die großen Sieger in den Gemeindevertretungen und den meisten der 28 Landeskirchen. Ihr Mitbegründer Ludwig Müller wird „Reichsbischof“ – ein Amt, das dem protestantischen Geist eigentlich zutiefst fremd ist. Der Volksmund sagt spöttisch „Reibi“.

Die katholische Kirche dagegen will er von oben besiegen, von der Spitze der Hierarchie aus: Er schließt einen Vertrag mit dem Vatikanstaat, also mit dem Papst, das Reichskonkordat. Die Kirche verzichtet auf jede politische Betätigung, dafür bekommt sie eine Bestandsgarantie – die jedoch, wie sich zeigen wird, nicht viel wert ist.

Trotzdem gibt es evangelische und katholische Christen im Widerstand, Menschen, die von Anfang an das Verhängnis kommen sehen, das mit Hitlers Kriegs- und Rassenpolitik verbunden ist. Soweit sie ihre Haltung aus dem Glauben herleiten, gilt für sie der Satz: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Das schließt für sie die Orientierung an Menschenwürde und Menschenrechten ein, die sich aus der Bibel ableiten lassen. Der Beitrag von einzelnen Christen wie dem Protestanten Dietrich Bonhoeffer oder dem Katholiken Laurentius Siemer zum Widerstand war bedeutend. Menschen wie sie haben nicht nur Verfolgten geholfen. Sie haben zum Beispiel die Mitglieder des militärischen Widerstands darin bestärkt, sich dem verbrecherischen Regime zu verweigern. Ein Mann wie Werner von Haeften, der Adjutant von Claus Schenk Graf von Stauffenberg – beide wurden noch am Abend des 20. Juli 1944 hingerichtet –wäre ohne die Beratung durch Bonhoeffer vielleicht weniger mutig gewesen. Doch auch die christlichen Vordenker konnten Hitlers Diktatur nicht beenden – zum Wiederaufbau eines anderen Deutschland nach 1945 haben sie, direkt oder indirekt, viel beigetragen.

Matthias Koeberlin spielt Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer ist eine wahnsinnig interessante und spannende Figur, ein Theologe und ein Mann des Widerstands. Ein sehr mutiger und vorausschauender Mensch. Wenn man jemanden wie ihn spielen darf, hat man eine ganz andere Verantwortung. Bonhoeffer einfach nur zu kopieren, bringt nichts. Ich versuche, mich ihm anzunähern, indem ich seine Motivation verstehe – das,was ihn im Innersten wirklich antreibt. Und das möchte ich transportieren.

Matthias Koeberlin
ARD/NDR MIT GOTT GEGEN HITLER , “Bonhoeffer und der christliche Widerstand”, am Montag (04.05.20) um 23:15 Uhr im ERSTEN. Dietrich Bonhoeffer wird von Matthias Koberlin gespielt. Foto: © NDR/Thomas Bresinsky

Nikolaus Kühn spielt Laurentius Siemer

Ich freue mich, an diesem Projekt teilnehmen zu dürfen und einem unbekannten Helden ein Gesicht zu geben, der nichts anderes gemacht hat, als Haltung und Menschlichkeit zu bewahren.Und das in einer Zeit, in der viele Menschen aus Angst, Ignoranz, Wegschauen oder was auch immer mit dem Strom geschwommen sind und die schlimmste Katastrophe des Jahrhunderts, den Holocaust und den 2.Weltkrieg, nicht verhindert haben. Eine Katastrophe, die bis heute nachschwingt. Und ich bin fassungslos darüber, dass es heute schon wieder Menschen gibt, die vergessen,was Mensch sein eigentlich ausmacht. Ein Projekt gegen das Vergessen.

Nikolaus Kühn
ARD/NDR MIT GOTT GEGEN HITLER , “Bonhoeffer und der christliche Widerstand”, am Montag (04.05.20) um 23:15 Uhr im ERSTEN. Laurentius Siemer (links) war Provinzial der Dominkaner und leistete Widerstand gegen den Nationalsozialismus. / Foto: © NDR/Thomas Bresinsky

Dietrich Bonhoeffer hat ein Gedicht im Dezember 1944 in der
Gestapo-Haft verfasst

Von guten Mächten treu und still umgeben

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ,wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost,was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Interviewstimmen

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

Bonhoeffer war ein Mensch, der gesagt hat: Ich möchte mit meinem ganzen Leben, mit meiner ganzen Existenz, mit meinem Reden und meinem Tun für das einstehen, woran ich glaube.

Ludger Fortmann, Dominikaner-Prior in Vechta

Die dominikanische Tradition, mit der Suche nach Wahrheit, ist sehr klar gegen das nationalsozialistische ideologische Gedankengut gerichtet. Die Internationalität des Ordens geht eigentlich quer zum nationalen Einigeln oder Überhöhung eines einzelnen Staates, einer einzelnen Rasse,wie man damals sagte. Also das geht gar nicht zusammen.

Maria Anna Zumholz, Historikerin

Um predigen zu können, um Menschen überzeugen zu können,mussten die Dominikaner exzellent ausgebildet sein. Das war zum einen etwas für Laurentius Siemer, für diesen unkonventionellen, charmanten Mann, und es war eben eine gute Vorbildung für die Herausforderung, die der Nationalsozialismus für die Menschen bildete.

Jutta Koslowski, Theologin

Hätten die Kirchen Hitler auch verhindern können? Ich glaube, sie hätten ganz viel tun können, wahrscheinlich sogar verhindern können.

Die Darsteller

  • Dietrich Bonhoeffer gespielt von Matthias Koeberlin
  • Laurentius Siemer gespielt von Nikolaus Kühn
  • Werner von Haeften gespielt von Philippe Goos
  • Aenne Vogelsberg gespielt von Sonja Beißwenger
  • Wolf-Dieter Zimmermann gespielt von Jacob Benkhofer
  • u. v. m.

Sendezeit

4. Mai 2020, 23:15 Uhr, Das Erste

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